Geschichte der Alamannen

• Das Pilotprojekt der gens Alamannorum
• Die Alamannen. Begleitband zur Ausstellung „Die Alamannen“
• Die Franken und die Alemannen bis zur ‘Schlacht bei Zülpich’ (496/97).
o Bericht zu dem wissenschaftlichen Kolloquium vom 26. bis 28. September 1996 auf Burg Langendorf in Zülpich
o Inhaltsverzeichnis des Kolloquiumbandes
• Chlodwig und die „Schlacht bei Zülpich“ – Geschichte und Mythos 496-1996. Begleitband zur Ausstellung
• Veröffentlichungen zur Geschichte der Alemannen
• Zeittafel zur Geschichte der Alemannen


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Das Pilotprojekt zur gens Alamannorum.

Erste Erfahrungen mit einem Teilprojekt von nomen et gens*

Von DIETER GEUENICH und WALTER KETTEMANN

* Der Beitrag ist mit Fußnoten gedruckt erschienen in: ‚Nomen et gens‘. Zur historischen Aussagekraft frühmittelalterlicher Personennamen, hg. von Dieter Geuenich, Wolfgang Haubrichs und Jörg Jarnut (Ergänzungsband zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Berlin – New-York 1997)

I. „Nomen et gens“. Begründung und Konzeption des Gesamtprojektes. Erste Erfahrungen mit einem Teilprojekt (Dieter Geuenich)

II. Die Organisation des Projektes „Nomen et gens“, Kriterien der Namenaufnahme und Aufnahmeformular (Walter Kettemann)

I.

Aus dem Kreis der Teilnehmer des mit dem vorliegenden Band dokumentierten Kolloquiums „Nomen et gens“, darunter federführend von den beiden Mitherausgebern, Wolfgang Haubrichs und Jörg Jarnut, wurde 1992 ein Förderantrag an die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gestellt. Das Anliegen der Forschergruppe war es, mit verteilten Rollen die Personennamen und die Personennamengebung bei den Franken, den Bayern, den Alemannen, den Goten, den Burgundern, den Langobarden, den Sachsen, den Thüringern und einigen weiteren kleineren ostgermanischen beziehungsweise westgermanischen gentes von den ersten Zeugnissen der Völkerwanderungszeit bis ins 8. Jahrhundert hinein zu erforschen. Ziel sollte es sein, sämtliche erreichbaren Personennamenzeugnisse dieses Zeitraumes zu erfassen, auf elektronisch auswertbare Datenträger aufzunehmen und einerseits unter h i s t o r i s c h e n, andererseits aber auch unter p h i l o l o g i s c h-namenkundlichen Fragestellungen auszuwerten. „Mit verteilten Rollen“, das heißt: für jedes dieser Völker wurde ein Bearbeiter gesucht – und schließlich auch gefunden -, der sich mit der Geschichte der betreffenden gens schon einschlägig beschäftigt hatte, – so etwa für die Langobarden Jörg Jarnut, für die Franken Hans-Werner Goetz und Ulrich Nonn oder für die Westgoten Gerd Kampers. Wolfgang Haubrichs erklärte sich als in der Namenforschung fachkundiger Germanist bereit, die philologisch-sprachwissenschaftliche Beratung und Betreuung und – nach Aufnahme der Namen – auch deren philologisch-sprachwissenschaftliche Auswertung zu übernehmen.

Der Antrag, auf dessen wissenschaftliche Zielsetzung gleich noch einzugehen sein wird, wurde von der Forschungsgemeinschaft größtenteils abgelehnt, das heißt, es wurde lediglich ein Teilprojekt von insgesamt sieben in die Förderung aufgenommen: Der Antrag zur Erforschung der Namenwelt der Alemannen.

Warum nur eines der sieben Teilprojekte – und gerade das der Alemannen – gefördert wurde, entzieht sich unserer Kenntnis. Vielleicht ist der Grund, weshalb die Gutachter gerade und nur das Duisburger Teilprojekt mit einer halben Mitarbeiterstelle gefördert sehen wollten, darin zu suchen, daß in Duisburg bereits eine große „Datenbank mittelalterlicher Personen und Personengruppen“ installiert ist. In der Tat wäre die halbe Stelle bereits damit ausgelastet gewesen, diese Datenbank am Leben zu erhalten (und zu aktualisieren) sowie die immer häufiger anfallenden Service-Leistungen, die von der Duisburger Arbeitsstelle verlangt werden, zu befriedigen. Immerhin profitiert eine steigende Zahl von Benutzern der Duisburger Datenbank von diesen Service-Leistungen, so etwa die Monumenta Germaniae Historica im Rahmen laufender Editionsvorhaben, aber auch personengeschichtlich interessierte Mediävisten, Kunsthistoriker und Paläographen aus dem In- und Ausland, die immer wieder nach namentlich bekannten Künstler- oder Schreiberpersönlichkeiten in den Quellen fahnden – sei es, daß sie bestimmte Personen oder Personengruppen suchen, sei es, daß sie Angaben über die Häufigkeit bestimmter Namen wünschen.

Doch nicht von der Nutzung der in der Duisburger Datenbank vorhandenen circa 400.000 Daten soll hier die Rede sein, sondern von der im Rahmen des Projekts „Nomen et gens“ geplanten Erweiterung des in Duisburg bereits elektronisch archivierten Namenbestandes um die Namenzeugnisse aus dem 3. bis 8. Jahrhundert.

Die von der DFG zugebilligte halbe Mitarbeiterstelle wurde in Absprache mit den anderen Teilprojektleitern folgendermaßen eingesetzt:

1. wurde unverzüglich damit begonnen, nach einem zuvor festgelegten vorläufigen Schema, dem sogenannten Aufnahmeformular, sämtliche erreichbaren Personennamen aufzunehmen, die mit einiger Wahrscheinlichkeit Angehörige der gens Alamannorum bezeichnen. Der Anfang war schnell gemacht, da die Quellensammlung der Heidelberger Akademie der Wissenschaften zu Hilfe genommen werden konnte, die den Anspruch erhebt, sämtliche für die Alemannen einschlägigen Quellen auszugsweise wiederzugeben. Selbstverständlich wurden nicht nur die Personennamen selbst, sondern alle zur Identifizierung der damit bezeichneten Personen relevanten Kontextangaben mit aufgenommen.

2. war es aber von vornherein unser Ziel, ein allgemein verbindliches Aufnahmeformular zu entwerfen, das nicht nur für die Aufnahme der alemannischen Namenzeugnisse, sondern zugleich auch für die der anderen Teilprojekte tauglich und brauchbar sein sollte. Denn erfreulicherweise erklärten sich prinzipiell alle, faktisch aber zumindest ein Teil der durch die DFG nicht geförderten Teilprojektleiter bereit, mit der Materialaufnahme dennoch zu beginnen und die auf diese Weise erhobenen Daten nach Duisburg zu übermitteln. Auf mehreren Zusammenkünften der Teilprojektleiter konnte so – gestützt auf die Erfahrungen bei den Namenaufnahmen im Alemannenprojekt sowie in den von Hans-Werner Goetz, Jörg Jarnut und Gerd Kampers betreuten Teilprojekten – ein endgültiges Aufnahmeformular beschlossen werden, das eine weitgehende Differenzierung der Namenaufnahme nach formalen, philologischen und prosopographischen Kriterien zuläßt.

Inzwischen liegen mehr oder weniger umfangreiche Datenbestände aus dem alemannischen, langobardischen, wandalischen, ostgotischen und fränkischen Bereich vor, die nach dem endgültigen Aufnahmeformular erhoben und in Duisburg gespeichert werden. Sie ermöglichten es, ein wesentliches – wenn nicht gar das wichtigste – Ziel des Gesamtprojektes bereits in den Blick zu nehmen: die vergleichende Betrachtung der Namenwelt der einzelnen gentes. Neben der Datenbank wird als ein weiteres Ergebnis des gesamten Unternehmens die Erstellung eines Personennamenbuches der frühen gentes angestrebt. Auch die Überlegungen, wie dieses Personennamenbuch gestaltet sein sollte, waren und sind nur auf der Basis der unterschiedlichen Corpora voranzubringen.

Bevor diese beiden zentralen Fragen, die das Ziel des Gesamtunternehmens betreffen, näher in den Blick gerückt werden, sei noch eine einschränkende Bemerkung zum Pilotprojekt über die gens Alamannorum erlaubt. Da die Relevanz des gesamten Unternehmens von vornherein vornehmlich darin gesehen wurde, die Namenwahl und Namengebungsprinzipien sowie das möglicherweise spezifische Namengut der unterschiedlichen gentes durch den Vergleich der einzelnen Namencorpora der Alemannen, Burgunder, der Goten usw. zu ermitteln, kommt den Ergebnissen des Teilprojekts „Alemannencorpus“ im Sinne eines Pilotprojekts vor allem oder sogar ausschließlich m e t h o d i s c h e Bedeutung zu. Der Pilotcharakter bedeutete also, daß die Art und Weise der Belegaufnahme, die Lemmatisierung der Personennamen, der Umfang der jeweils abzuspeichernden Kontextinformationen, die Codierung der Amts- und Standesbezeichnungen, die Angaben zur Datierung, zu den Handschriften usw. so festzulegen und zu erproben waren, daß die Aufnahmekriterien auch für die anderen Teilprojekte als verbindlich gelten und von diesen übernommen werden konnten.

Alle Angaben über die Häufigkeit oder Seltenheit bestimmter Personennamen oder Personennamenglieder bei den Alemannen sind jedoch, wie leicht einzusehen ist, nur in Relation zu den anderen Namencorpora aussagekräftig. Und auch die an sich schon äußerst interessante Beobachtung, daß erstaunlich viele Alemannen des 4. Jahrhunderts römische Namen – wie etwa Latinus oder Serapio – tragen, würde erst durch den Vergleich etwa mit den Franken zu dieser Zeit bedeutsam werden. Diese römischen Namen sind übrigens vor allem von Personen überliefert, die – zum Teil schon in der zweiten Generation – als Alemannen im römischen Heerdienst tätig waren. Von Serapio erfahren wir durch Ammianus Marcellinus sogar, wie er zu seinem Namen gekommen ist: „Seinen Namen hatte er daher“, schreibt Ammian, „daß sein Vater [Mederichus] lange als Geisel in Gallien festgehalten, dort in griechische Geheimlehren eingeführt worden war und seinen Sohn, der eigentlich Agenarichus hieß, [nach dem Gott Serapis] in Serapio umbenannt hatte“.

Die zahlreichen weiteren, zum Teil äußerst interessanten Einzelbeobachtungen, die bei der Aufnahme der alemannischen Namen erzielt und inzwischen an anderer Stelle veröffentlicht wurden, werden hier zugunsten des angekündigten Blicks auf das Gesamtprojekt und seine Zielsetzung übergangen. Insbesondere soll auf die methodischen Schwierigkeiten – die Probleme der Auswahl der Namen und ihrer ethnischen Zuordnung (a), die Frage nach dem Umfang des jeweils mitaufzunehmenden Kontextes (b), aber auch auf die Schwierigkeiten der Lemmatisierung, das heißt: der eindeutigen Zuweisung von Namenvarianten (c) – eingegangen werden, wobei auch den kritischen Fragen nach dem Sinn und den wissenschaftlichen Zielen des Projektes nicht ausgewichen werden soll (d).

a) Eine erste Schwierigkeit, die sich bei der Aufnahme der alemannischen Namenzeugnisse ergab, betrifft den Grad der Sicherheit, mit dem eine Person als ,Alemanne` angesehen werden kann. Völlige Sicherheit – das sollte nicht übersehen werden – ist in keinem Fall zu erreichen, selbst wenn die fragliche Person in der Quelle mit dem Zusatz Alamannicus, dux oder gar rex Alamannorum versehen ist. Da nämlich über die Alemannen nur römische oder fränkische Schriftsteller berichten und wir von den Alemannen keine Selbstzeugnisse besitzen, sind im Grund alle ethnischen Zuordnungen „von außen“ grundsätzlich mit Vorbehalt zu werten. Für die ersten beiden Jahrhunderte der alemannischen Geschichte nach der Aufgabe des obergermanisch-rätischen Limes um 260 besteht nach dem jüngsten Forschungsstand offensichtlich nicht einmal ausreichende Sicherheit, ob es bereits eine gens Alamannorum oder gar ein regnum Alamannicum gab. Auch sind Fragen wie die, ob die Juthungen etwa mit Ammianus Marcellinus der gens Alamannica zuzurechnen oder, wie Dexipp betont, zumindest ursprünglich ein von dieser zu trennender „reiner“ Stamm waren, keineswegs letztgültig geklärt.

b) Wie verhält es sich mit Personen, die nicht expressis verbis als Alemannen bezeichnet sind, aufgrund des Kontextes oder durch entsprechende Identifizierung des Herausgebers aber als solche erkennbar zu sein scheinen? Dürfen etwa der Hersteller einer Bügelfibel namens Wigerig und deren erste Trägerin Uffila, – beide Namen sind auf der Rückseite eines Schmuckstücks eingeritzt, das in einem Frauengrab des 7. Jahrhunderts aus Wittislingen an der Donau gefunden wurde, – aufgrund der archäologischen Interpretation des Grabes als alemannisch oder aufgrund der vermuteten rheinfränkischen Werkstatt als fränkisch gekennzeichnet werden?

Diese Beispiele mögen genügen, um deutlich zu machen, daß die Zuweisung eines Personennamens beziehungsweise seines Trägers zu einem bestimmten Volksstamm (Juthungen, Alemannen) auch nach erfolgter Aufnahme flexibel bleiben muß, das heißt, daß die gentile Kennzeichnung jederzeit korrigierbar sein sollte, um neueren Erkennissen Rechnung tragen zu können. Außerdem muß deutlich unterschieden werden zwischen der gentilen Kennzeichnung oder gar Identifizierung einer Person durch den Herausgeber oder Bearbeiter und einer gentilen Kennzeichnung, die durch den Kontext gegeben ist. Dies ist dank der getrennten Aufnahme von tatsächlich überlieferter Kontextinformation und prosopographischem Kommentar sowie aufgrund der elektronischen Speicherung der Daten jederzeit möglich. Auch Personennamen, die bei der erstmaligen Aufnahme noch keine ethnische Kennzeichnung erhielten, können nachträglich mit anderen gesicherten Belegen über den Kommentar verbunden und damit zugewiesen werden.

c) Dasselbe gilt für die Lemmatisierung, das heißt: für die Zuweisung graphischer oder lautlicher Varianten und unterschiedlicher Kasusformen (wie Chnodomar, Chnodomer oder auch Chnodomarii) zu einem identischen Lemma: *kndi­m_r. Auch hier kann die philologische Entscheidung jederzeit revidiert werden. So wurde beispielsweise der in Abbildung 1 (unten S. 294) aufgeführte Beleg Nodomarius erst nach seiner Zuweisung zum Alemannenkönig Chnodomar dem Lemma kndi- (mit k-Anlaut) zugewiesen. Die Fülle und Bandbreite der überlieferten Schreibvarianten ist in dieser Frühzeit, wie schon die im Rahmen des alemannischen Pilotprojekts erhobenen Namen erkennen lassen, erheblich größer als in den frühen Urkunden und Memorialquellen des 8. und 9. Jahrhunderts! Das dürfte vor allem daran liegen, daß zum einen schon die römischen Schriftsteller ihre Schwierigkeiten mit der Graphie des ihnen fremden Namengutes hatten, zum anderen aber auch deren Schriften in der Regel erst über spätere Abschriften auf uns gekommen sind. Zur Veranschaulichung dieser Variationsbreite ist das Beispiel des Chnodomar mit seiner relativ konstanten Graphie schlecht geeignet. Interessanter und auch folgenreicher hinsichtlich der Konsequenzen, die sich für das Bild der territorialen Ausdehnung der Alamannorum patria ergeben, ist das bekannte Beispiel des Alemannenkönigs Gebavult, der in der Vita des Lupus von Troyes für die siebziger Jahre des 5. Jahrhunderts bezeugt ist. Falls dieser rex Gebavult mit dem Alamannorum rex Gibuldus der Vita Severini des Eugipp nämlich als namengleich angesehen würde und die Lupus-Vita nicht, wie Bruno Krusch meinte, von der Severins-Vita abhängig ist, könnte man hinter beiden Nennungen einen identischen Alemannenkönig vermuten, der in den siebziger und achtziger Jahren des 5. Jahrhunderts einerseits in der Gegend von Passau und andererseits in der Diözese von Langres-Troyes operierte. Über die Konsequenzen einer solchen Gleichsetzung haben sich Otto Feger, Reinhard Wenskus, Heiko Steuer, Eugen Ewig, Martin Heinzelmann, Bruno Behr und Helmut Castritius in völlig unterschiedlicher Weise geäußert. Die namenkundliche Analyse der beiden Namenformen im Zusammenhang der sonstigen alemannischen Personennamen der Frühzeit sowie die namenstatistische Feststellung, wie häufig der Name und seine beiden Bestandteile im 5. Jahrhundert sonst vorkommen, sind hier – wie in vielen anderen Fällen – die einzigen Argumente, durch welche die Diskussion versachlicht werden könnte.

d) Könnten alle diese Feststellungen nicht auch mit Hilfe der bereits vorhandenen namenkundlichen Sammelwerke und Hilfsmittel getroffen werden? Die wenigen Personennamen der frühen gentes seien doch längst bekannt, lautet ein Einwand gegen das „Nomen et gens“-Projekt, und es bedürfe erneuter Bemühungen zu ihrer Sammlung und Erfassung nicht mehr. Tatsache ist, daß etwa der durch Eugipp überlieferte Name Gebavult, obwohl er bereits 1896 in den Scriptores rerum Merovingicarum der MGH ediert wurde, weder in Maurits Schönfelds „Wörterbuch der altgermanischen Personen- und Völkernamen“ (1911) noch in Hermann Reicherts „Lexikon der altgermanischen Namen“ (1987) zu finden ist. Erst recht fehlen natürlich die von den Archäologen beigebrachten Personennamenzeugnisse auf Grabbeigaben wie Schwertern, Siegelringen oder Fibeln – etwa die eben genannten Namen Wigerig und Uffila.

Und diese Beispiele sind nicht etwa mühsam gesucht: Fast die Hälfte der bislang aufgenommenen Alemannen-Namen des 3. bis 8. Jahrhunderts sind in diesen und anderen Nachschlagewerken nicht zu finden. Dies dürfte aber nicht einmal das entscheidende Argument für die Notwendigkeit unseres Unternehmens sein. Ausschlaggebend ist vielmehr, daß im „Nomen et gens“-Projekt – im Gegensatz zu diesen namenkundlich-philologischen Sammlungen – dem prosopographischen Aspekt Vorrang eingeräumt werden soll. Die Personennamen interessieren hier nämlich nicht allein hinsichtlich ihrer Etymologie und Lautgestalt, sondern in ihrer historischen Aussagekraft:

1. für den Träger oder die Trägerin des Namens,

2. für die Familie, Sippe oder Dynastie, denen der Namenträger oder die ­trägerin angehörte, sowie

3. für die gentile Einheit, der die mit dem Namen bezeichnete Person und ihre Familie/Sippe/Dynastie zugerechnet werden können.

Dabei kann und soll keineswegs von der morphologischen Gestalt und der sprachlichen Form der Namen sowie von der Etymologie der Namen und ihrer Kompositionselemente abgesehen werden. Im Gegenteil: Zentrale Fragen des Projekts können ohne die Klärung dieser philologischen Vorfragen gar nicht beantwortet werden. So wird etwa bei der Frage, in welchem Maße lateinische Namen auf Romanen und germanische Namen auf germanische Abstammung schließen lassen, die nicht immer einfache Grenzziehung zwischen beiden Bereichen vorausgesetzt. Auch die bereits angesprochene Frage der Identität des rex Gebavult mit dem rex Gibuldus setzt zunächst die Klärung der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der beiden Namen beziehungsweise der Namenglieder voraus. Weiterhin wäre zu prüfen, ob die Zweitglieder -gautaz/-goz, -dan, -swap, -thuring, -wandil/­wendil usw. die Träger dieser Namen als Goten (Ostrogotha, Weringoz), Dänen (Ingildan, Halfdan), Sueben (Altswab, Adalswab, Erchanswab), Thüringer (Halbthuring, Altthuring) oder Wandalen (Kerwentil, Auriwandal beziehungsweise Orwendil) bezeichnen, was die etymologische Bedeutung dieser Namenelemente zumindest vermuten lassen könnte.

Auf die Hilfe der Sprachwissenschaft kann und soll also nicht verzichtet werden. Aus den obigen Ausführungen über die Funktion und Bedeutung der philologisch-sprachwissenschaftlichen Auswertung der Namen im Rahmen von „Nomen et gens“ dürfte deutlich geworden sein, daß das Projekt auch für die Sprachwissenschaft neue Aufschlüsse bringen kann. Die zentrale Fragestellung ist aber die nach der historischen Aussagekraft der Personennamen. Gesicherte Aussagen darüber, ob es in der Frühzeit beispielsweise spezifisch alemannische, burgundische oder sächsische Namen gab, können nur gemacht werden, wenn eine möglichst große Zahl von Namen mit ausreichender Sicherheit zugeordnet werden kann. Das setzt die Erarbeitung möglichst vollständiger nach gentes getrennter Personennamencorpora voraus. Die darin erfaßten Personen sollten prosopographisch so ausführlich wie möglich bestimmt sein, wobei das Hauptaugenmerk auf die ethnische oder regionale Zuordnung und auf die Erfassung von familialen oder dynastischen Zusammenhängen gerichtet sein sollte. Denn die Frage, inwieweit die Namengebung der erfaßten Personen ethnische, gentile, familiale oder auch regionale Bezüge aufweist, ist eines der wichtigsten Erkenntnisziele der Forschergruppe, das deshalb auch den spezifischen methodischen Ansatz des Unternehmens bestimmt.

Diese Aspekte der Namengebung sind – um nur eine neuere Prosopographie zu nennen – in der ansonsten vorzüglichen ,Prosopography of the Later Roman Empire` (PLRE) kaum berücksichtigt. Dort ist beispielsweise unser Alemannenkönig Chnodomar zwar augeführt, aber ohne jeden Hinweis auf seine Verwandten. Zudem ist dieses zweibändige Werk – ebenso wie die ,Gallische Prosopographie` von Martin Heinzelmann – auf die Zeit von 260 bis 527 begrenzt. Während der gesamtrömischen Prosopographie (PLRE) das spätantike Imperium als Rahmen dient, konzentriert sich Heinzelmanns Prosopographie, die sich methodisch stark an die PLRE anlehnt, auf das spätantike Gallien. Beide Werke berücksichtigen zwar auch (wie es wörtlich heißt) „Personen barbarischer Herkunft“, also auch etwa unsere regesChnodomar und Gebavult, aber gemäß ihrer Zielsetzung sozusagen „nur am Rande“. Das Fehlen jedweder sprachwissenschaftlich-namenkundlicher Angaben – nicht einmal, ob es sich um einen lateinischen oder germanischen Namen handelt, ist vermerkt – ist für diese von Historikern erstellten Prosopographien ebenso charakteristisch und typisch wie für die namenkundlichen Werke die Vernachlässigung des prosopographischen Aspektes.

Nun ist es ja keineswegs so, daß für den Sprachwissenschaftler die Namen lediglich als Sprachmaterial und hinsichtlich ihrer Etymologie von Interesse wären und für den Historiker nur die damit bezeichneten Personen, auch wenn dieser Eindruck oftmals vermittelt wird und diese Vorstellung weit verbreitet ist. Für den Sprachwissenschaftler und Namenforscher kann und darf es nicht gleichgültig sein, sondern es sollte sein besonderes Interesse hervorrufen, wenn zwei nach sprachwissenschaftlichen und namenkundlichen Kriterien zu trennende Namenformen ein- und dieselbe Person bezeichnen. Und er müßte an der Ermittlung spezifisch alemannischen, sächsischen, bairischen Namengutes zumindest ebenso interessiert sein wie der Historiker. Auch die Erweiterung unseres Wissens über die Motive der Namenwahl und Namengebung innerhalb von Familienverbänden, – ob und inwieweit etwa familiale Bindungen durch Namenvariation und -nachbenennung zum Ausdruck gebracht werden – dürfte b e i d e n Disziplinen Erkenntnisgewinn verschaffen. Ist es beispielsweise nur ein zu vernachlässigender Einzelfall, wenn – wie oben (S. 282f.) erwähnt – der Alemanne Mederich seinen Sohn zunächst Agenarich nannte, wobei das identische Zweitglied -rich im Vater- und Sohnesnamen die familiale Bindung signalisierte, und er ihn dann – nach offensichtlich intensivem Kontakt mit der gallorömischen Kultur und Religion – in Serapio umbenannte? Diesen und zahlreichen ähnlich gelagerten Fällen nachzugehen dürfte nicht nur für den Historiker von Interesse sein.

Umgekehrt wurden Beispiele – wie Halbthuring, Erchanswab usw. – erwähnt, bei denen die Kenntnis der Wortbedeutung den Weg zur Ermittlung der ethnischen Abstammung weisen könnte. Regionalspezifische Merkmale, wie sie Wolfgang Haubrichs in diesem Band diskutiert, oder dialektale und gentile Prägungen von Personennamen, wie sie Heinrich Tiefenbach, Norbert Wagner und Maria Giovanna Arcamone vorführen, sind ebenfalls als wichtige Hinweise der Germanisten an die Historiker anzusehen.

Der interdisziplinäre Dialog zwischen Sprachwissenschaftlern und Historikern ist demnach im Forschungsprojekt „Nomen et gens“ nicht als unverbindlicher Wunsch zu verstehen, sondern er muß als conditio sine qua non für einen Fortschritt in der wissenschaftlichen Erkenntnis beider Disziplinen ernst genommen werden. In diesem Aufeinanderangewiesensein liegt, wie die großangelegten, aber gleichwohl oder gerade deswegen gescheiterten Forschungsunternehmen wie der „Neue Förstemann“ oder die „Prosopographia Regnorum Orbis Latini“ (PROL) in der Vergangenheit gezeigt haben, eine große Gefahr, aber auch eine große Chance zu weiterführenden Erkenntnissen für beide Seiten.

Im Gegensatz zu den erwähnten Großunternehmen ist das im Projekt „Nomen et gens“ zu erhebende, zu bearbeitende und schließlich auszuwertende Material von vornherein bewußt begrenzt worden, und zwar zeitlich bis zum Einsetzen der reichen Urkunden- und Memorialüberlieferung im 8. Jahrhundert und räumlich durch die dezentrale Auf­ und Zuteilung an einzelne schon ausgewiesene Bearbeiter. Da weiterhin bereits eine zentrale Datenbank in Duisburg besteht, die Methode der Datenerfassung und Datenspeicherung von Personennamen seit Jahrzehnten erprobt ist und umfangreiches Vergleichsmaterial aus dem 8. bis 10. Jahrhundert vorliegt, dürfte der Aufwand zur Durchführung des Projekts „Nomen et gens“ relativ gering und die Gefahr des Scheiterns minimal sein. Daß sich dieser Aufwand für die beiden beteiligten Disziplinen der Sprach- und der Geschichtswissenschaft lohnt, sollten die voranstehenden Ausführungen deutlich gemacht haben.

II.

Das Hauptanliegen des Projektes „Nomen et gens“ ist die Erstellung einer Datenbank, die alle bisher bekannt gewordenen Quellenbelege für Personennamen der Völkerwanderungszeit enthält. Die Datenbank soll es ermöglichen, auf jedes einzelne überlieferte Zeugnis für einen Personennamen sowie auf eine Reihe von Zusatzinformationen zu demselben unter verschiedenen Fragestellungen zugreifen zu können. Historiker und Philologen haben die Kriterien, nach denen die Personennamenbelege in die Datenbank aufgenommen werden, gemeinsam erarbeitet. Dadurch ist gewährleistet, daß die einzelnen Namenbelege und die aus der Quelle direkt abgeleiteten oder wissenschaftlich erschlossenen Zusatzinformationen sowohl unter primär historischen Fragestellungen wie unter solchen, die eher den Philologen interessieren, abgerufen und miteinander verknüpft werden können. Die Namendatenbank „Nomen et gens“ soll eine Dokumentations- und Informationsbasis für künftige Forschungs- und Publikationsvorhaben bieten.

Ein konkretes Publikationsprojekt, das mit Hilfe der zu erstellenden Namendatenbank vorangebracht werden soll, ist das bereits angesprochene Personennamenbuch der frühen gentes. Die Überlegungen zum Aufbau der Artikel für ein solches Personennamenbuch haben die Konzeption des Formulars für die Aufnahme der Namenbelege in die Datenbank insofern mitbeeinflußt, als das Personennamenbuch den Ansprüchen von Historikern und Philologen an ein prosopographisches und namenkundliches Nachschlagewerk gleichermaßen entsprechen soll.

Für die vorliegende Beschreibung der arbeitstechnischen Organisation des Projekts „Nomen et gens“ und des Aufnahmeverfahrens wird auf EDV-technische Fachterminologie weitestgehend verzichtet. Lediglich drei Begriffe – Datenbank, Datensatz und Feld -, ohne die im Folgenden nicht auszukommen ist, bedürfen einer kurzen Erläuterung. Die Datenbank umfaßt die Gesamtheit aller Daten, deren Sammlung und Auswertung beabsichtigt ist. Bei den zu sammelnden Daten des Projektes „Nomen et gens“ handelt es sich um die Personennamenbelege der Völkerwanderungszeit. Jeder einzelne Namenbeleg bildet einen Datensatz. Die Datenbank ist somit in Datensätze untergliedert. Jeder Datensatz wiederum besteht aus mehreren Feldern; eines dieser Felder enthält den überlieferten Personennamen, die übrigen Felder beinhalten weitere Informationen, die in engem Bezug zum Personennamenbeleg stehen. Die Datensätze der Datenbank können alphanumerisch und alphabetisch aufgelistet und gruppiert werden. Als Kriterium für die Anordnung und Umgruppierung der Datensätze kann nicht nur der Personennamenbeleg, sondern auch jedes andere der definierten Felder dienen. Um mit Hilfe der technischen Sortierfunktionen des verwendeten Programms möglichst viele Auswertungsmöglichkeiten offenzuhalten, muß bei der Dateneingabe in jedem Feld eine bestimmte Form eingehalten werden, die allerdings für jeden Benutzer der Datenbank ohne weiteres verständlich ist, so daß sich hier eine Begründung und Erklärung erübrigt. Das bereits mehrfach angesprochene Aufnahmeformular bezieht sich auf die Ebene des Datensatzes; mit seinen 17 Untergliederungen bildet es die Feldaufteilung eines Datensatzes ab.

Für die Gestaltung der Datenbank und der Datensätze waren zwei Überlegungen bestimmend:

1. Zum einen sollen dem künftigen Benutzer zu einem Namenbeleg die für die Überlieferung und Einordnung desselben relevanten Informationen sowie grundlegende Daten zur Quelle, die diesen Beleg enthält, auf einen Blick, aber zugleich in differenzierter Weise präsentiert werden.

2. Zum anderen kommt es darauf an, die Daten so aufzunehmen, daß künftige Nutzungen der Datenbank so wenig wie irgend möglich durch versteckte oder vom Stand der Forschung bedingte Vorentscheidungen präjudiziert werden. Das bedeutet vor allem zweierlei:

a) Der qualitative Quellenbefund zu einem Namenbeleg muß genau dokumentiert werden können; dies betrifft beispielsweise differierende Schreibweisen eines Namenbelegs in verschiedenen Handschriften. Zusatzinformationen zum Namenbeleg müssen um der statistischen Auswertbarkeit willen in datentechnisch miteinander verknüpfbare Einheiten (die sogenannten Felder) spezifiziert werden. Dabei wiederum ist es wichtig, zwischen Zusatzinformationen, welche die Quelle bietet, und solchen zu unterscheiden, die der aufnehmende Bearbeiter aus seiner Kenntnis der Fachliteratur oder aufgrund eigener Beobachtungen gibt.

b) Der quantitative Befund über das Vorkommen eines Namens oder zur Häufigkeit der Erwähnung einer Person darf nicht bereits bei der Erstellung der Datenbank zum Anlaß werden, mehrere Namenbelege in einem Datensatz zusammenzufassen. Methodisch ist daher die Unterscheidung von Personenname, historischer Person und dem einzelnen Namenbeleg, wie ihn eine Quelle bietet, für die „Nomen et gens“-Namendatenbank unverzichtbar.

Das Postulat größtmöglicher Quellennähe und die Absicht, die Namendatenbank für mehr als nur einige wenige Auswertungsmöglichkeiten anzulegen, lassen sich nur dann umsetzen, wenn jeder überlieferte Namenbeleg einzeln – d.h. in einem je eigenen Datensatz – aufgenommen, hinsichtlich seines Kontextes beschrieben und mit den Zusatzinformationen versehen wird, die für eine Auswertung relevant sind. Aufbau und Gliederung der Datenbank in einzelne Datensätze orientieren sich also nicht an bestimmten Namen oder an historischen Personen! Bei der Datenaufnahme interessiert alleine der einzelne Namenbeleg, der an einer bestimmten Stelle in einer bestimmten Quelle in einer bestimmten Weise überliefert ist. Kurz: Grundlegendes Organisationskriterium der Namendatenbank sind nicht Personen oder Namen – z.B. Chlodwig/Ludwig -, sondern es sind die einzelnen quellenmäßig belegten Erwähnungen dieses Namens.

Um bei dem Beispiel Chlodwig zu bleiben: Der Frankenkönig Chlodwig I. wird sich in der Datenbank nicht nur hinter einem einzigen Datensatz, sondern hinter zahlreichen Datensätzen verbergen. Gleichwohl werden nicht alle Datensätze mit einer Überlieferung des Namens Chlodwig auf König Chlodwig I. verweisen; es werden auch andere Träger dieses Namens zum Vorschein kommen. Die Zuordnung verschiedener Namenbelege zu einem bestimmten Namen und die Rekonstruktion historischer Persönlichkeiten aus verschiedenen Namennennungen in Quellen (also aus den einzelnen Namenbelegen) sind erst Ergebnisse der Auswertung des aufgenommenen Datenmaterials. Gleichwohl sind diese beiden zentralen Erkenntnisinteressen jeglicher Auswertung – Erkennen eines Namens und Rekonstruktion der diesen Namen tragenden historischen Persönlichkeit(en) – in das Aufnahmeformular als eigene Felder ,Lemma` und ,Personenkennzahl (PKZ)/Personenkommentar` integriert. Damit jedoch sind wir bereits bei der Praxis der Datenaufnahme angelangt.

Die Festlegung, das einzelne überlieferte Zeugnis für einen Personennamen (Personennamenbeleg) zur Grundlage eines Datensatzes zu machen, ist die wichtigste Entscheidung zur Gestaltung der Datenbank. Für die Praxis der Datenaufnahme und die Arbeit mit der Datenbank sind die beiden anderen Vorgaben von großer Bedeutung: übersichtliche und zugleich differenzierte Darstellung des Quellenbefundes einerseits und klare Erkennbarkeit der Informationen, die durch die wissenschaftliche Aufarbeitung des Quellenmaterials gewonnen wurden, andererseits. Dem trägt das Aufnahmeformular dadurch Rechnung, daß – bei einer Ausnahme – jedes Feld entweder nur eine Zusatzinformation der Quelle oder eine beziehungsweise mehrere Zusatzinformationen des Bearbeiters enthält. In den Feldern 2 bis 10 stehen ausschließlich Angaben, die der Quelle direkt zu entnehmen sind, während die Felder 12 bis 15 kritische Beobachtungen, Normierungen und Ergebnisse vergleichender Auswertungen der Namenbelege enthalten, die von den Bearbeitern stammen. Lediglich in den Feldern 11a­c (Datierungen) können ebenso Angaben aus der Quelle wie solche der Bearbeiter stehen. Die Funktion der einzelnen Felder wird im Anschluß an Abbildung 1, die ein idealtypisch ausgefülltes Aufnahmeformular wiedergibt, erläutert.

Die gleichzeitig stattfindende Aufnahmearbeit durch mehrere Mitarbeiter an unterschiedlichen Orten erfordert ein hohes Maß an gegenseitiger Abstimmung sowohl in inhaltlichen wie in formalen Fragen. Für die Datenaufnahme mit Hilfe des Aufnahmeformulars existiert ein „Leitfaden zur Aufnahme von Personennamen am PC“, der Feld für Feld ausführlich beschreibt, was man bei der Eingabe von Daten inhaltlich und formal beachten muß. Aus arbeitstechnischen und arbeitsökonomischen Gründen ist es darüber hinaus notwendig, die Aufnahmearbeit so einheitlich und fehlerfrei wie möglich durchzuführen, um jederzeit systematische Änderungen in der Datenbank vornehmen und die redaktionellen Arbeiten auf ein unvermeidliches Minimum beschränken zu können. Deshalb wird für häufig wiederkehrende Wort- und Befehlsabfolgen mit zahlreichen Textbausteinen und Makros gearbeitet, die in Duisburg zentral festgelegt beziehungsweise koordiniert werden. Unter inhaltlichen Gesichtspunkten besonders wichtig ist die ebenfalls in Duisburg vorgenommene Führung und Verwaltung einer „Nomen et gens“-Quellen­ und einer -Literaturdatenbank, von Quellenkommentaren und diversen Siglenverzeichnissen.

Abbildung 1:

Aufnahmeformular

1 Belegnummer : 0400158

2 Quelle : Epitome de Caesaribus

3 Kapitel, Seite : cap. 42,14 (PICHLMAYR/GRUENDEL, S. 170,2; QzGdA 2, S. 23 mit Anm. 18)

4 Nummer : Erstgenannter der sieben an der Schlacht bei Straßburg beteiligten alemannischen reges

5 Personenname : Nodomarius

6 Amt/Stand, Herkunft : „rex „: rex nobilis Nodomarius

7 lebend/verstorben : *

8 Geschlecht : m

9 Verwandtschaft : Bruder des Mederichus, über die Verwandtschaft mit diesem Oheim des Serapio: Serapio … Mederichi fratris Chnodomarii filius

10 Funktion : ­ entfällt ­

11 Datierung:

11a) Personennennung : 4Jh2: 357

11b) Quelle : 4Jh2/5Jh1: 395 nach

11c) Überlieferung : 9Jh2:

12 Lemma : *kndi-m_r

13 Textkritik : chonodomarii (Cod. Fuld., 9. Jh.)

14 PKZ, Personen­ ~ala00004: Chnodomar (Belegnummern 0400028, 0400035, …):

Kommentar : Alem. rex, dem im Kreis der sieben reges, die im Zusammenhang der Schlacht bei Straßburg 357 gegen die Römer von Ammianus Marcellinus namentlich genannt werden, gemeinsam mit seinem Neffen Serapio eine herausgehobene Stellung (potestate excelsiores) zugekommen zu sein scheint …

15 Bemerkungen : zu „5 Personenname“:

Da der anonyme Autor der Epitome de Caesaribus aus Ammian geschöpft hat (vgl. Quellenkommentar, S. 2) und in frühneuzeitlichen Editionen sowie mehreren Handschriften der Res gestae des Ammian (vgl. Quellenkommentar zu Ammianus Marcellinus, Res gestae, S. 14) die Variante Chonodomarius für Chnodomar häufig auftaucht (vgl. die Belegnummern 0400028, 0400035, 0400053, 0400054, …), ist zu vermuten, daß die Graphie Nodomarius in der Epitome …

zum Kontext:

Chnodomar – neben Crocus (Belegnummer 0400199) und Vadomar (Belegnummer 0400198) der einzige Angehörige der alemannischen gens, den der Anonymus namentlich erwähnt – wird in einem kurzen Bericht …

Feld 1: ,Belegnummer`

Die siebenstellige Belegnummer numeriert die einzelnen Namenbelege, die je einen Datensatz bilden, fortlaufend durch. Sie hat primär interne Bedeutung und ermöglicht einen Überblick über die Gesamtzahl der aufgenommenen Namenbelege. Da gleichzeitig in mehreren Teilprojekten Namenbelege aufgenommen werden, ist jedes einzelne Teilprojekt durch eine in die Belegnummer integrierte Kennzahl charakterisiert. Diese Kennzahl, welche die erste und zweite Stelle jeder Belegnummer einnimmt, ermöglicht zudem, die in den einzelnen Teilprojekten aufgenommenen Namenbelege gesondert auszuweisen.

Die Arbeitsteilung zwischen den einzelnen Teilprojekten orientiert sich an den gentilen Gruppen: So werden beispielsweise in Paderborn (Teilprojekt 07 unter Leitung von Jörg Jarnut) primär die Namenbelege aus jenen Quellen aufgenommen, die für die Geschichte der Langobarden einschlägig sind. Durch die ständige Kommunikation zwischen den Teilprojekten wird sichergestellt, daß vereinzelt auftretende Namenbelege, die auf Mitglieder anderer gentes verweisen, den Bearbeitern in den entsprechenden Teilprojekten nicht entgehen.

Feld 2: ,Quelle`, die „Nomen et gens“-Quellen- und Literaturdatenbanken und die Dateien ,Quellenkommentare`

Das zweite Feld ,Quelle` nennt in standardisierter Form den Quellentext, der den aufzunehmenden und zu beschreibenden Namenbeleg enthält. Die Quelle wird hier nur in allgemeiner Weise ohne Bezugnahme auf Editionen oder Handschriften beziehungsweise andere Überlieferungsmedien angeführt. Hinweise auf die Edition, welcher der jeweilige Personennamenbeleg entnommen wurde, oder auf gegebenenfalls herangezogene originale Überlieferungsmedien finden in die Felder 3 (,Kapitel, Seite`), 13 (,Textkritik`) und 15 (,Bemerkungen`) Eingang.

Die einheitlich festgelegte Bezeichnung jeder Quelle ist in einer weiteren Datenbank enthalten. Unter der Quellenbezeichnung sind dort sämtliche Editionen aufgelistet, die für „Nomen et gens“ Verwendung finden. Handschriften oder andere originale Überlieferungsmedien stehen nur dann in dieser Quellendatenbank, wenn sie – und nicht Editionen – für einzelne Personennamenbelege zur Grundlage der Datenaufnahme gemacht wurden.

Eine Reihe von überlieferungs- und editionskritischen sowie werk- und textgeschichtlichen Fragen zu den ausgewerteten Quellen muß außerhalb des Aufnahmeformulars geklärt werden. Dazu dienen einzelne Dateien (,Quellenkommentare`). In ihnen finden sich

die Angabe der Gründe für Entscheidungen über die Auswahl der zugrundegelegten Editionen oder gegebenenfalls der originalen Überlieferungen,
eine kurze Vorstellung von Inhalt und Entstehungskontext der Quelle,
Bemerkungen zur Überlieferung der Quelle und insbesondere zur Datierung sowohl des Textes wie der Überlieferung(en),
Erläuterungen zu den im Feld ,Textkritik` verwendeten Handschriften-Siglen,
und schließlich Ausführungen zu speziellen Problemen, die sich bei der Aufnahme und Auswertung des in der jeweiligen Quelle enthaltenen Personennamenmaterials ergeben.

Diese Quellenkommentare entstehen im Laufe der Aufnahmearbeit zunächst in jedem Teilprojekt gesondert, werden jedoch zwischen den Teilprojekten ausgetauscht und in den (häufigen) Fällen, wo eine Quelle für mehrere Teilprojekte interessant ist, von Zeit zu Zeit gemeinsam auf den neuen Stand gebracht. Zum Zeitpunkt der Fertigstellung der Namendatenbank soll mit den Quellenkommentaren eine begründete Dokumentation der zugrundegelegten Textfassung(en) und eine Einführung in die Relevanz der jeweiligen Quelle für die Personennamenüberlieferung der Völkerwanderungszeit vorliegen.

An dieser Stelle sei auch auf die Literaturdatenbank zum Gesamtprojekt hingewiesen. Sie dient zum einen der Sammlung und Dokumentation einschlägiger Fachliteratur sowie der einheitlichen formalen Gestaltung bibliographischer Angaben in allen Teilprojekten. Darüber hinaus ist jeder Literaturtitel – wie auch alle Daten in der Quellendatenbank – unter mehreren Schlagworten erfaßt. Dies ermöglicht zusammen mit der Gestaltung der Belegnummer, die eine Teilprojektkennzahl enthält, daß die aufgenommenen Personennamenbelege mit der dazugehörenden vollständigen bibliographischen und quellenkundlichen Dokumentation gesondert nach Teilprojekten auf dem Bildschirm ausgegeben oder ausgedruckt werden können.

Die Quellen- und Literaturdatenbank sowie die Quellenkommentare sind unerläßliche Ergänzungen der Namendatenbank und somit wesentliche Bestandteile des Projektes „Nomen et gens“.

Feld 3: ,Kapitel, Seite`

Die genaue Angabe der einen Namen überliefernden Textstelle bezieht sich zunächst auf die Untergliederung des Textes (z.B. Buch, Kapitel, Abschnitt usw.), der zuvor in Feld 2 genannt ist. Sofern in unterschiedlichen Editionen oder herangezogenen Handschriften verschiedene Textgliederungen existieren, fällt die Entscheidung zugunsten der als maßgeblich erachteteten Textfassung. Danach folgt in Klammern die genaue Seitenangabe und gegebenenfalls Zeilenangabe in Editionen beziehungsweise Handschriften, wobei die verbindliche Ausgabe zuerst genannt ist. Sofern die Textgliederung Anlaß zu Unklarheiten geben könnte, bietet der Quellenkommentar einen klärenden Hinweis. Ebenfalls dort findet sich eine Begründung, wenn es angezeigt erscheint, für mehrere Personennamenbelege aus einer Quelle unterschiedliche Handschriften oder Editionen zur Grundlage zu machen.

Feld 4: ,Nummer`

Dieses Feld wird nur belegt, wenn der Personenname im Zusammenhang einer Auflistung von Namen steht und die Position der Namennennung in der Namenreihe eventuell Aufschluß über die Bedeutung des Namenträgers geben könnte. Ein Eintrag in diesem Feld könnte z.B. lauten: „3. Name in der Zeugenliste der Urkunde“.

Feld 5: ,Personenname`

Der Personenname wird in unveränderter Form nach der verbindlichen Textfassung und – wie alle direkten Quellenzitate – in Kursivsetzung angeführt; der Kasus des Textzusammenhangs bleibt erhalten. Konjekturen und Emendationen werden vermieden beziehungsweise nicht übernommen; sie können gegebenenfalls in Klammern dem originalen Quellenzitat angefügt sein.

Personennamenbelege, die nur in griechischer Sprache oder anderen Schriftzeichen überliefert sind, werden aus datentechnischen Gründen zuerst buchstabengetreu in lateinischen Zeichen transkribiert und recte gegeben, bevor das wörtliche Quellenzitat in Kursivsetzung folgt.

Erwähnungen von Personen, deren Name nicht genannt ist oder die nur durch Personalpronomina angesprochen sind, liefern mitunter wichtige Kontextinformationen und müssen deshalb generell miterfaßt werden; diese Personenbelege stellen Sonderfälle dar, die unterschiedlich gehandhabt werden:

– Für einen Personenbeleg, der durch Amt, Stand oder sonstige Kennzeichen in einer Quelle enthalten, aber ohne Name überliefert ist, wird ein eigener Datensatz angelegt. Sofern der Name dieser Person aus anderen Quellen sicher bekannt ist, wird er in Feld 5 im Kasus rectus eingefügt, allerdings ohne Kursivsetzung, da es sich um kein quellenmäßig belegtes Namenzeugnis handelt. Mit Hilfe eines vorangestellten Sonderzeichens können die Personenbelege ohne Namennennung gesondert ausgewiesen werden. Personenbelege, für die auch aus anderen Quellen ein Name nicht zu erschließen ist, werden im Feld 5 nur durch ein Sonderzeichen vertreten.

– Nicht als eigene Datensätze werden Personennennungen in Form von Personalpronomina aufgenommen, wenn diese Pronomina im Kontext längerer Ausführungen zu einer bestimmten, zuvor genannten Person auftauchen, z.B. in einer Passage einer Heiligenvita. In solchen Fällen findet sich im Datensatz jenes Namenbelegs, mit dem die pronominalen Personennennungen in Verbindung stehen, eine Notiz. Wenn eine pronominale Personennennung jedoch zusätzliche Präzisierungen bietet, muß von Fall zu Fall entschieden werden, ob nicht doch ein eigener Datensatz erstellt wird. Die Begründung dafür erfolgt dann im Feld 15 (,Bemerkungen`) und eventuell auch im entsprechenden Quellenkommentar.

Feld 6: ,Amt/Stand, Herkunft`

Amts-, Standes- oder Berufsbezeichnungen und Herkunftsangaben zum jeweiligen Namenbeleg werden in unveränderter Form aus der verbindlichen Textfassung übernommen. Den Amts-, Standes- und Berufsbezeichnungen geht zusätzlich eine Sigle voraus, die es ermöglicht, den Namenbeleg datentechnisch auch über die normierte Amts-, Standes- oder Berufsbezeichnung zu erfassen.

Feld 7: ,lebend/verst.`

Die Bezeichnung als lebend oder verstorben bezieht sich auf den Status der Person zu dem von der Quelle berichteten Zeitpunkt und wird mit den Symbolen *, † beziehungsweise ? (für ,nicht entscheidbar`) angegeben.

Feld 8: ,Geschlecht`

Das Geschlecht wird mit den Kürzeln f (feminin) und m (maskulin) nur dann vermerkt, wenn es aus der Quelle eindeutig erkennbar ist.

Feld 9: ,Verwandtschaft`

Eine Verwandtschaftsangabe erfolgt nur dann, wenn eine solche aus der Quelle ohne weiteres hervorgeht oder sich aus dem Zusammenhang klar ergibt.

Feld 10: ,Funktion`

Dieses Feld wird nur belegt, wenn die genannte Person in einem bemerkenswerten Verhältnis zu dem sie belegenden Quellentext selbst steht (z.B. als Intervenient, Empfänger oder Zeuge einer Urkunde, als Urheber oder Widmungsempfänger des jeweiligen Quellentextes etc.). Eine voranstehende Sigle ermöglicht auch hier die Gruppierung der Datensätze nach dem Parameter ,Funktion`.

Felder 11: ,Datierungen`

Das Aufnahmeformular erfordert für jeden Personennamenbeleg grundsätzlich drei Datierungen. Feld 11a gibt den Zeitpunkt an, zu dem der Name erwähnt ist. Sofern die Quelle eine explizite Zeitangabe zum Namenbeleg enthält, wird dies im Anschluß an die Datierung vermerkt. Die Belegung der Datierungsfelder erfolgt unabhängig davon, ob eine Datierung aus der Quelle selbst stammt oder wissenschaftlich erschlossen ist. Wenn die von der Quelle gegebene Datierung offensichtlich oder wahrscheinlich nicht zutrifft, erhält eine für besser erachtete Datierung den Vorzug. In Feld 11b ist die Abfassungszeit des überliefernden Textes notiert. Feld 11c bezieht sich auf das älteste beziehungsweise maßgebliche Überlieferungsmedium.

In allen drei Feldern sind die Zeitansätze häufig strittig oder nur schwer zu eruieren. In solchen Fällen findet eine Diskussion der Datierung des Namenbelegs in Feld 15 (,Bemerkungen`) statt, die wichtigsten Aspekte dieser Erörterung werden in den Personenkommentar (Feld 14) übernommen. Darlegungen über die Entstehungszeiten des Textes und der Überlieferung finden sich im Quellenkommentar. Gegebenenfalls verweisen Angaben von Handschriftensiglen oder Sekundärliteratur, die in jedem der drei Felder nach der Datierung erscheinen können, auf die einer Datierung zugrundeliegende Überlieferung oder Forschungsliteratur.

Erfahrungsgemäß bereiten unklare oder weitgefaßte Datierungen große Probleme, wenn man sie auf einer Zeitachse in Beziehung zur Datierung anderer Daten setzen will. Gerade dies aber soll im Rahmen der Personennamendatenbank hinsichtlich der Namenbelege und ihrer Überlieferungen möglich werden, ohne daß man auf den unbefriedigenden Ausweg verfallen muß, bei mehreren möglichen Zeitansätzen für die datentechnische Verarbeitung einen einzigen mehr oder weniger willkürlich herauszugreifen. Für dieses Problem bietet die formale Gestaltung der Zeitangabe in den Feldern 11a bis 11c gute Möglichkeiten der chronologischen Sortierung und Darstellung.

Jede Zeitangabe besteht aus zwei Teilen: einer Grob- und einer Feindatierung. Die Grobdatierung ermöglicht die Einordnung von Daten in Halbjahrhundertschritten, zum Wechsel des halben und des ganzen Jahrhunderts sowie in Zeiträume, die ein halbes Jahrhundert überschreiten. So können auch Daten ohne eine genauere Datierung näherungsweise chronologisch richtig eingeordnet werden. Die auf die Grobdatierung folgende Feindatierung läßt dann eine – gegebenenfalls bis auf den Tag exakte – Angabe und chronologische Einordnung zu.

Feld 12: ,Lemma`

Die Lemmaform, die jedem überlieferten Personennamenbeleg durch das Verfahren der automatischen Lemmatisierung in diesem Feld hinzugefügt wird, ermöglicht den Ausgleich der überlieferten Schreib- und Lautvarianten, so daß namenkundlich gleiche Namen als solche erkennbar werden, indem sie ein identisches Lemma aufweisen. Das Ergebnis der automatischen Lemmatisierung bedarf, auch wenn das Verfahren inzwischen an rund 400.000 frühmittelalterlichen Personennamen erprobt wurde, der Kontrolle und gegebenenfalls der Korrektur durch sprachwissenschaftlich geschulte Bearbeiter, und zwar sowohl bezüglich der germanischen als auch der lateinisch-romanischen Namenformen (vgl. etwa: Chlodoveus = Ludwig, Guilelmus = Wilhelm, Esteban = Stephan usw.).

Feld 13: ,Textkritik`

Hier werden alle textkritischen Beobachtungen in knapper Form vermerkt, die für den Personennamen und seine Stellung im Kontext der Handschrift erheblich sind. Dieses Feld nimmt gegebenenfalls auch textkritische Notizen zu den Feldern 6 ,Amt/Stand, Herkunft`, 9 ,Verwandtschaft` und – sofern die Quelle eine explizite Zeitangabe zum Personennamen enthält – zum Feld 11a (Datierung des Personennamenbelegs) auf.

Feld 13 entzieht sich einer statistischen Auswertung. Bei Anordnung der Datensätze nach diesem Feld wird lediglich sichtbar, ob der zugehörige Personennamenbeleg textkritische Probleme bietet oder nicht. Die Informationen dienen vor allem im Stadium einer Auswertung dem Benutzer, der sich intensiv mit einem einzelnen Namenbeleg oder einem Namen und seinen Überlieferungsformen beschäftigt. Nähere Aufschlüsse insbesondere zum überlieferungsgeschichtlichen Hintergrund aufgeführter Varianten sind im entsprechenden Quellenkommentar enthalten.

Feld 14: ,PKZ, Personenkommentar`

Feld 14 beinhaltet eine Personenkennzahl (PKZ) und einen Personenkommentar, die für alle Namenbelege einer bestimmten Person identisch sind. Eine Personenkennzahl ist in jedem Datensatz eingetragen, der Personenkommentar wird für alle Namenbelege einer Person summarisch beim ersten aufgenommenen Namenbeleg geführt.

Die PKZ ermöglicht einen Zugriff auf Personen und deren gentile Zugehörigkeit. Außerdem gibt sie Auskunft darüber, mit welchem Grad von Wahrscheinlichkeit man eine Person einer bestimmten gens zuordnen kann. Diese Wahrscheinlichkeit wird im Aufbau der PKZ einleitend mit einem von vier möglichen Symbolen angezeigt, sodann die gens durch drei Kennbuchstaben markiert, bevor die eigentliche fünfstellige Kennzahl folgt.

Der Personenkommentar faßt alle aus den verschiedenen Namenbelegen der ausgewerteten Quellen gewonnenen Informationen zu einer Person und ihrer Benennung zusammen. Dabei finden quellen-, überlieferungs- und textkritische Fragestellungen, die in den voranstehenden Feldern vermerkt und in Feld 15 eventuell genauer ausgeführt sind, insofern Eingang, als sie für die Rekonstruktion der historischen Persönlichkeit oder deren Namen von Wichtigkeit sind. Der Personenkommentar bietet damit gleichermaßen einen prosopographischen wie namenkundlichen Artikel zu jeder Person. Besondere Bedeutung kommt dem Personenkommentar in den Fällen zu, wo bei mehreren Trägern desselben Namens die Abgrenzung einzelner Personen voneinander schwierig oder unmöglich ist.

Feld 15: ,Bemerkungen`

Dieses letzte Feld hat zwei Funktionen: Es dient zum einen dazu, Bemerkungen und Präzisierungen zu den Feldern 3 bis 11a und 13 aufzunehmen, die dort um der Übersichtlichkeit oder der datentechnischen Auswertbarkeit willen nicht ausgeführt werden können. Insbesondere wird hier – unter Bezugnahme auf den Quellenkommentar – gegebenenfalls begründet, wenn einzelne Lesarten bestimmter Handschriften in Feld 13 (,Textkritik`) nicht notiert werden. Zum anderen hat das Feld ,Bemerkungen` eine wichtige projektinterne Funktion: Indem hier die einzelnen Bearbeiter in freier Form zusätzliche Beobachtungen zum jeweiligen Personennamenbeleg notieren können, soll gewährleistet werden, daß einmal gewonnene Erkenntnisse – insbesondere bei Fluktuation von Mitarbeitern – nicht mehr verloren gehen.

***
In der alltäglichen Aufnahmepraxis hat sich gezeigt, daß die Arbeit mit dem soeben beschriebenen Aufnahmeformular zu einer äußerst kritischen Quellenlektüre zwingt. Die Ergebnisse dieses intensiven Quellenstudiums sind dann zu jedem einzelnen überlieferten Zeugnis eines Personennamens in einem je eigenen Datensatz niedergelegt. Dadurch ergeben sich vielfältige neue Erkenntnisse und Bewertungen: sei es für die Geschichte einzelner Personen, für die Art und Weise der Namenverwendung in bestimmten Quellen, für die Überlieferung eines einzelnen Namens und seine Formen oder für die Überlieferung des Namengutes der Völkerwanderungszeit insgesamt. Die nach Abschluß der Aufnahmearbeit in den einzelnen Datensätzen und in den Quellenkommentaren vorliegenden Ergebnisse haben damit für die Geschichtswissenschaft und die Namenkunde einen eigenen wissenschaftlichen Aussagewert, der zusätzlich neben den statistischen Auswertungsmöglichkeiten steht, die man von einem Datenbankprojekt erwartet.

Die wichtigsten Möglichkeiten, das gesammelte Material elektronisch zu gruppieren und aufzulisten, seien abschließend in Form einer Übersicht zusammengestellt. Die „Nomen et gens“-Namendatenbank ermöglicht unter anderem die Erstellung

alphabetischer Verzeichnisse der erfaßten Personen und der Personennamen,
eines alphabetischen und eines chronologischen Verzeichnisses der Personennamenbelege,
von Verzeichnissen der in den einzelnen Quellen vorkommenden Personen und Personennamen (diese Verzeichnisse entsprechen Personen­ beziehungsweise Personennamenindices zu jeder im Projekt „Nomen et gens“ bearbeiteten Quelle),
einer Auflistung der Personen nach dem Feld ,Amt/Stand, Herkunft`,
einer chronologischen Übersicht über die Graphien und Formen einzelner Personennamen und ­namenglieder,
chronologischer Auflistungen zu den Überlieferungszeiten einzelner Namen, Namenformen, Namenglieder und ­suffixe,
von Verzeichnissen der sicher oder wahrscheinlich innerhalb einer gens vorkommenden Personennamen,
von Verzeichnissen der in mehreren gentes gebräuchlichen Personennamen und ­namenglieder sowie schließlich
einer Übersicht zur zeitlichen Streuung der in einer oder mehreren gentes vorkommenden Personennamen und ­namengliede.


Die Alamannen. Begleitband zur Ausstellung „Die Alamannen“

14. Juni 1997 bis 14. September 1997, SüdwestLB-Forum, Stuttgart ; 24. Oktober 1997 bis 25. Januar 1998, Schweizerisches Landesmuseum Zürich ; 6. Mai 1998 bis 7. Juni 1998, Römisches Museum der Stadt Augsburg, hrsg. vom Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg. Red. Karlheinz Fuchs / Martin Kempa / Rainer Redies / Barbara Theune-Großkopf / André Wais, Darmstadt, Wiss. Buchges., 1997. – 528 S. : zahlr. Ill., graph. Darst., Kt. ISBN 3-8062-1302-X
Inhaltsverzeichnis:
Grußworte (S.10)

Dieter Planck: „Die Alamannen“. Ein Ausstellungsprojekt mit Vergangenheit (S.14-15)

Gustav Schöck: Des Rheinischen Hausfreunds Botschaft und Erbe. Alemannisch: Spiegelungen und Brechungen eines Begriffs (S.21-30)

Rainer Jooss: Adam, Arminius und Hermann in der Schule. Lehrplan und Schulbuch bestimmen des Unterricht (S.31-36)

Richard Kleinschmager / Léon Strauss: Solidarität durch Anerkennung der Unterschiede. Alemannentum und das Elsass heute (S.37-40)

Christian Schmid-Cadalbert: Helvetisch und Schwizerdütsch. Vom Fehlen eines alemannischen Bewusstseins in der Schweiz (S.41-44)

Gerhard Fingerlin: Vom Schatzgräber zum Archäologen. Die Geburt einer Wissenschaft (S.45-51)

Jörg Heiligmann: Mit anderen Augen gesehen. Rom und seine germanischen Nachbarn (S.54-58)

Hans Ulrich Nuber: Zeitenwende rechts des Rheins. Rom und die Alamannen (S.59-68)

Klaus Frank: Vorboten an Main und Tauber. Germanen im Taubergebiet vor und nach der Aufgabe des Limes (S.69-72)

Dieter Geuenich: Ein junges Volk macht Geschichte. Herkunft und „Landnahme“ der Alamannen (S.73-78)

Helga Schach-Dörges: „Zusammengespülte und vermengte Menschen“. Suebische Kriegerbünde werden sesshaft (S.79-102)

Gerhard Fingerlin: Grenzland in der Völkerwanderungszeit. Frühe Alamannen im Breisgau (S.103-110)

Lothar Bakker: Bollwerk gegen die Barbaren. Spätrömische Grenzverteidigung an Rhein und Donau (S.111-118)

Max Martin: Zwischen den Fronten. Alamannen im römischen Heer (S.119-124)

Gerhard Fingerlin: Siedlungen und Siedlungstypen. Südwestdeutschland in frühalamannischer Zeit (S.125-134)

Christel Bücker: Reibschalen, Gläser und Militärgürtel. Römischer Lebensstil im freien Germanien (S.135-141)

Dieter Geuenich: Widersacher der Franken. Expansion und Konfrontation (S.144-148)

Heiko Steuer: Herrschaft von der Höhe. Vom mobilen Soldatentrupp zur Residenz auf repräsentativen Bergkuppen (S.149-162)

Max Martin: Historische Schlagzeilen, archäologische Trümmer. Wandlungen der alamannischen Siedlungs- und Herrschaftsgeschichte zwischen 436 und 506 nach Christus (S.163-170)

Dieter Quast: Vom Einzelgrab zum Friedhof. Beginn der Reihengräbersitte im 5. Jahrhundert (S.171-190)

Ursula Koch: Besiegt, beraubt, vertrieben. Die Folgen der Niederlagen von 496/97 und 506 (S.191-201)

Dieter Geuenich: Zwischen Loyalität und Rebellion. Die Alamannen unter fränkischer Herrschaft (S.204-208)

Ulrike Giesler: Völker am Hochrhein. Das Basler Land im frühen Mittelalter (S.209-218)

Ursula Koch: Ethnische Vielfalt im Südwesten. Beobachtungen in merowingerzeitlichen Gräberfeldern an Neckar und Donau (S.219-232)

Uwe Gross: Das Zeugnis der handgemachten Tonware. Fränkische Siedlungspolitik im Spiegel der südwestdeutschen Rippen- und Buckelkeramik (S.233-236)

Barbara Theune-Großkopf: Die Kontrolle der Verkehrswege. Ein Schlüssel zur fränkischen Herrschaftssicherung (S.237-242)

Michael Hoeper: Guter Boden oder verkerhsgünstige Lage. Ortsnamen und Römerstraßen am südlichen Oberrhein (S.243-248)

Volker Babuke: Nach Osten bis an den Lech. Zur alamannischen Besiedlung der westlichen Raetia Secunda (S.249-260)

Renata Windler: Franken und Alamannen in einem romanischen Land. Besiedlung und Bevölkerung der Nordschweiz im 6. und 7. Jahrhundert (S.261-268)

Ruth Schmidt-Wiegand: Recht und Gesetz im frühen Mittelalter: Pactus und Lex Alamannorum (S.269-274)

Heiko Steuer: Krieger und Bauern – Bauernkrieger. Die gesellschaftliche Ordnung der Alamannen (S.275-287)

Ingo Stork: Friedhof und Dorf, Herrenhof und Adelsgrab. Der einmalige Befund Lauchheim (S.290-310)

Christel Bücker / Michael Hoeper / Markus Höneisen / Michael Schmaedecke: Hof, Weiler, Dorf. Ländliche Siedlungen im Südwesten (S.311-322)

Manfred Rösch: Ackerbau und Ernährung. Pflanzenreste aus alamannischen Siedlungen (S.323-330)

Mostefa Kokabi: Fleisch für Lebende und Tote. Haustiere in Wirtschaft und Begräbniskult (S.331-336)

Joachim Wahl / Ursula Wittwer-Backofen / Manfred Kunter: Zwischen Masse und Klasse. Alamannen im Blickfeld der Anthropologie (S.337-348)

Max Martin: Kleider machen Leute. Tracht und Bewaffnung in fränkischer Zeit (S.349-358)

Heidi Amrein / Eugen Binder: Mit Hammer und Zange an Esse und Amboss. Metallgewinnung und Schmidekunst im frühen Mittelalter (S.359-370)

Johanna Banck-Burgess: An Webstuhl und Webrahmen. Alamannisches Textilhandwerk (S.371-378)

Rotraut Wolf: Schreiner, Drechsler, Böttcher, Instrumentenbauer. Holzhandwerk im frühen Mittelalter (S.379-388)

Heiko Steuer: Handel und Fernbeziehungen. Tasch, Raub und Geschenk (S.389-402)

Ursula Koch: Der Ritt in die Ferne. Erfolgreiche Kreuzzüge im Langobardenreich (S.403-415)

Ingo Stork: Als Persönlichkeit ins Jenseits. Bestattungssitte und Grabraub als Kontrast (S.418-432)

Dieter Quast: Opferplätze und heidnische Götter. Vorchristlicher Kult (S.433-440)

Sönke Lorenz: Missionierung, Krisen und Reformen. Die Christianisierung von der Spätantike bis in karolingische Zeit (S.441-446)

Ellen Riemer: Im Zeichen des Kreuzes. Goldblattkreuze und andere Funde mit christlichem Symbolgehalt (S.447-454)

Barbara Scholkmann: Kultbau und Glaube. Die frühen Kirchen (S.455-464)

Hans Rudolf Sennhauser: Heiligengrab und Siedlungsverlegung. Zurzach in römischer Zeit und im Frühmittelalter (S.465-470)

Barbara Theune-Großkopf: Der lange Weg zum Kirchhof. Wandel der germanischen Bestattungstradition (S.471-480)

Alfons Zettler: Einzug der Mönche. Kultur durch Klöster (S.481-490)

Klaus Düwel: Frühe Schriftkultur bei den Barbaren. Germanische Runen, lateinische Inschriften (S.491-498)

Max Martin: Schrift aus dem Norden. Runen in der Alamannia – archäologisch betrachtet (S.499-502)

Harald Bassler / Hugo Steger: „Alemannisch“ als Teil des Althochdeutschen (S.503-510)

Dieter Geuenich: Epilog. Die weitere Geschichte (S.511-512)

Verzeichnis weiterführender Literatur (S.513-520)

Ortsregister (S.521-526)

Bildnachweis (S.527-528)


Alamanni und Sueben

von Holger Münzer

Das südwestdeutsche Sprachgebiet oder der südwestliche Teil des gesamten deutschen Sprachraumes ist nicht identisch mit Südwestdeutschland. Es ist lediglich ein kleiner Teil des alemannischen Sprachgebiets. Die alemannische Sprache geht ja ganz erheblich über die deutschen Staatsgrenzen hinaus: von Baden (südlicher Schwarzwald etwa ab der Kinzig) in das Elsaß (Vogesen), in die gesamte deutschsprachige Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein bis zum Lech, in das Allgäu, in das „Land vor dem Arlberg“, das österreichische Bundesland Vorarlberg bis Tirol.

Anstatt der Schreibweise „Alemannisch“ (von Tacitus falsch so genannt „Alemannia“) wäre im Verständnis der Urgermanen / Germanen (vgl. „Indogermanischer Sprachbaum“) diese Schreibweise wäre richtiger: „Alle Manen“:
„Manen“ heißt einfach „Volk“, aber auch „Männer“ (vgl. engl. „men“).
Bei den „Manen“ waren nämlich auch Frauen, denn Frauen sind ja auch Menschen, – das war nicht immer so. Sie warfen allerdings keine Speere. Man traf sich im „Thing“, einem Ort unter einem heiligen Baum (einer Linde). Daher rühren die Städtenamen (z.B. Emmendingen, Villingen, Solingen usw., sogar auch Thüringen) mit der Endung „…ing“ oder ..“ingen“, sehr häufig in Baden, Südwürttemberg, Bayrisch-Schwaben, Elsaß, Schweiz, Teile aus Sachsen / Thüringen).
Ich erinnere mich an ein Lied, das wir auf der Straße gesungen haben: „Alle Mane sind halt Puëschte“ („Puëschte“ heißt Helden).
Frauen waren dabei nicht nur „Manen“ (also Menschen) sondern (heidnische) Priesterinnen / Heilerinnen / Hebammen, manchmal gar „Heilige“, sie arbeiteten mit Heilkräutern und Segnungen. Sie wurden nicht nur gehört sondern auch verehrt. In der frühkatholischen Kirche waren Frauen ebenso als Priesterin, Lehrerin, Apostelin tätig. Wir wissen heute, daß die Apostelin Maria Magdalena den christlichen Glauben nach Europa gebracht, verbreitet und gelehrt hat, das war also nicht Saulus / Paulus, der Jesus Christus ja niemals kennengelernt hatte. Maria Magdalena war also nicht das verruchte „Flittchen“, dies wurde sie erst durch die früh- und mittelalterliche frauenfeindliche katholische Kirche, sie hat diese Fälschung eingebracht, weil Frauen nicht mehr gleichberechtigt sein durften. Dies hat die frauenfeindliche katholische Kirche bis zum heutigen Tage so belassen. Erst Martin Luther hat das aus gutem Grund beendet, weil er als Quelle nicht die römisch-katholischen Fälschungen sondern die originalen vorderasiatischen und griechischen Texte soweit noch vorhanden benutzte. Immer schon gab es „Göttinnen“. Nicht so bei der römisch-katholische Kirche. Als Ersatz wurde die römisch-katholische Kirche schnell fündig: eine „Jungfrau Maria“ wurde erschaffen. Diese hatte aber insgesamt vier Kinder, wie kann eine Frau da Jungfrau bleiben? Fazit: die römisch-katholische Kirche ist eine einzige mittelalterliche Lügengeschichte, dies hat Martin Luther bewiesen (der Autor dieses Artikels ist übrigens Atheist, jedoch ein Ur-ur-ur-ur-ur-enkel von Martin Luther: „Honi soit qui mal y pense“ (ein Schelm der Schlechtes dabei denkt).
Die Germanen hatten noch keine Schrift, höchstens Runen / heute Buchstaben (Buchenstäbe), auf Stäben aus Buchenholz eingeritzte Runen. Tacitus hatte also erwiesenermaßen wenig Ahnung von den Germanen / Germannen.
„Ger“ heißt Speer. Ich weiß das von meinem Vornamen Holger (= wirf den Speer). Somit waren die Germanen, „Germannen“ (Speermänner). Tacitus nannte sie aber allesamt „Germanen“ und der Einfachkeit halber gar einfach: „Sueben“ (mitnichten „Schwaben“). So nannte er die Ostsee „Mare Suebicum“. Das sogen. „Schwäbische Meer“ ist also die Ostsee, jedoch nicht der rein alemannische Bodensee. „Sueben“ wurde damals ausgesprochen als „Suebden. So entstand aus dem Namen Suebden auch die heutige Benennung „Schweden“.

Die deutsche Sprache ist insgesamt – mit allen Dialekten und deutschen Sprachen wie Allemanisch, Friesisch, Plattdeutsch, Pennsylvania Dutch, Deutsch sprechenden in aller Welt die größte Sprachgemeinschaft Europas.
Sorbisch – dagegen ist nicht Deutsch sondern westslawisch (serbisch, daher auch der Name „sorbisch“).

Deutsch ist gemessen an der Zahl seiner Sprecher (bis zu 140 Millionen) , in Europa und der Welt inklusive Pennsylvania die größte Sprache, gefolgt von Russisch, Italienisch, Englisch, Französisch und den übrigen europäischen Sprachen. Natürlich ist Englisch die weltweit und international die am meisten gesprochene Fremdsprache, hier geht es aber um die europäischen Sprachen, mehr zur deutschen Sprache im Artikel Deutsche Sprache.
Um so unverständlicher ist daher, daß Deutsch als Arbeitssprache in der EU nicht anerkannt wird. Genauso unverständlich ist es, daß Deutsch als Landessprache nicht im Grundgesetz der Bundesrepublik steht. Manche interpretieren das so: „Die Landessprache ist türkisch“. In der Verfassung derSchweiz und n Österreich steht „Die Landessprache ist Deutsch“, nicht so in der Bundesrepublik. Tausende von Unterschriften wurden bereits gesammelt und eingeschickt, der Bundestag will sich damit nicht befassen. Die Deutschen haben eine seltsame Scheu vor sich selbst, es könnte mit dem Naziregime in Zusammenhang gesetzt werden. Auch die Fahne der Demokraten (siehe Hambacher Fest 1832) war Schwarz Rot Gold, sie wurde lange Zeit nicht geschwenkt. Die Farben der Nazis waren aber Schwarz Weiß Rot, die Farben des demokratischen Widerstands dagegen waren Schwarz Rot Gold. Erst mit den Fußballmeisterschaften änderte sich das zum Glück. Der wahre Widerstand war auch nicht Stauffenberg, dieser war nämlich Royalist (wovon Tom Cruse keine Ahnung hatte). Der wahre Widerstand waren Demokraten wie Willy Brandt und Ernst Busch usw. Willy Brandt war ein Deckname. Die vielen Nazis in der Regierung nach 1949 und die geneigte Presse verunglimpften ihn als damals als Herrn Fram. Die heutigen Neonazis schmücken sich seit neuestem mit der Fahne Schwarz Rot Gold, den Farben des Widerstandes gegen die Nazis. Mit Speck fängt man Mäuse.
Tacitus hat die Schwaben lokalisiert am von ihm so genannten „Schwäbischen Meer“: dem Mare Suebicum. Das ist aber mitnichten der rein allemanische Bodensee sondern eben die Ostsee. Der Stamme der Allemanen hingegen siedelten seinerzeit etwa in der Höhe der heutigen Stadt Fulda und wanderten nachweisbar seit dem Jahre 100 n.Chr. gen Süden in Richtung Schwarzwald und Donau. Unterwegs schlossen sich ihnen weitere Germanen an, die alle aufgenommen wurden. Es war ein „wilder Haufen“, sie nannten sich einfach „Menschen“, also alle „Manen“ (sprich: Mahnen) . 110 Jahre n.Chr. übertraten die Manen (d.h. Menschen) nachweislich den Limes Richtung Rhein zum ersten Mal. Die Karten der Wanderungen finden Sie ein Stück weiter unten. Die richtige Schreibweise wäre somit nicht AleMannen sondern AleManen. Manen (engl. „men“) sind im Allemanischen eben nicht nur Männer sondern auch Frauen, und bei den Germanen waren auch Frauen im Rat der „Manen“. Wir sagen ja auch: Germanen und nicht Germannen. Dann müsen wir auch sagen Allemanen. Andererseit ist der Plural von Mann Männer im allemanischen auch Mane (wie min englischen). Ich erinnere mich an ein Lied, das wir als Kinder auf der Straße gesungen haben: „Alle Mane sind halt Puëschte“. Manen heißt schlicht Menschen ähnlich wie im Englischen (Niederdeutschen) men.
Anmerkung: Da gibt es jedoch fundamentalische Emanzen, die erfinden sprachliche Verirrungen wie Männinen, Seefrauen (mit Fischschwanz) und Hauptfrauen (die erste Frau im Harem) – à propos: die Bezeichnung Mitgliederinnen wurde laut Beschluß der leitenden Frauinnenn im Vorstand der Berliner ÖTV festgelegt. An der Stelle wo Männer ein Glied besitzen ist bei den Frauen jedoch keine „Gliederin“ sondern erfahrungsgemäß etwas „Entgegengesetztes“. Die Bezeichnung „Gliederin“ ist sexistisch. Sexismus richtet sich nämlich immer nur gegen Frauen (Wilhelm Reich). Reich analysierte: gesellschaftliche Unterdrückung ist immer erst sexuelle Unterdrückung, und (…) Sexismus ist im Prinzip immer nur gegen Frauen gerichtet. Der Begriff Mitgliederinnen ist demnach frauenfeindlich. Männer dagegen freuen sich, wenn sie sexistisch angegangen werden, weil das ihre Potenz unterstreicht. Sie heben stolz die Arme und brüsten sich und sagen „Jawoll“! Diese Frauinnen haben keine Ahnung von der Historie und den wissenschaftlichen Grundlagen, die Wirkung ihrer Irrwege ist genau deshalb frauenfeindlich.

„Puëschte“ sind Kämpfer, Helden. Die „“Falschschreibreform“ der Studienräte hat ja die Aussprache nicht nur nicht berücksichtigt sondern völlig mißverstanden und dilletantisch verfälscht. Sie beachtete weder die Grammatik noch die Sprechtechnik noch die Linguistik noch die Sprachgeschichte und nicht die Sprachwissenschaft, mehr dazu auch unter „Entstehung der deutschen Sprache“.

Tacitus seinerzeit wußte recht wenig von den Germanen. Er nannte sie alle „Sueben“, ausgesprochen „Suebden“. Daher kommt übrigens auch der Name „Schweden“ und die Sitte, daß die Allemanen alle anderen Deutschen (von München über Berlin bis Hamburg und Kiel) „Schwaben“ nennen. Die Württemberger werden gar als „SauSchwobe“ bezeichnet, auch die Polen benennen alle Deutschen mit dem Schimpfwort „Schwobe“. Die Bayerischen Schwaben halten sich zu Recht für die Urschwaben. Sie nennen die Württemberger „minder schwäbisch“. Das ist insofern richtig, daß die Südwürttemberger (südlich von Stuttgart bis zum Bodensee) in ihrer Kultur alemanisch sind. Konklusio: Der Südwestdeutsche Sprachraum ist alemanisch, sprich „Mittelhochdeutsch“.
Die Schreibweise „Alemannen“ ist also im Kern falsch. Es müßte eigentlich heißen: „Alle Mahnen“. Die falsche Schreibweise Alamanni stammt von Tacitus. Hätte er richtig geschrieben: mani wäre das ja der Plural von manus gewesen, also: alle Hände. Somit schrieb er manni, was später als Männer falsch gedeutet wurde.
„Manen“ heißt schlicht „Menschen“ (vgl. englisch „men“). Zu den „Manen“ gehören also auch die Frauen. Man darf doch nicht sagen „Es gibt Menschen und Frauen“, so versteigen sich die Emanzen. Als Kind habe ich in Meßkirch das Liedchen gelernt: „Alle Mahne sind halt Puëschte“ („Puëschte“ = Kämpfer, tapfere Helden).

Wo nun in diesem süddeutschen Sprachraum die Allemanen und wo die Schwaben (Sueben) zu lokalisieren sind scheint hierzulande keine besonders schwierige Frage zu sein: Die Allemanen sind „hier“ – z.B. in Bad Krozingen – und die Schwaben sind „drüben“ , also hinter dem Schwarzwald. So jedenfalls lautet eine oft erteilte Antwort im allemannischen, wenn nach dem Gebiet des Allemanischen gefragt wurde.

Im Großen und Ganzen entspricht diese Antwort auch dem, was Johann Peter Hebel zur Lokalisation des Allemanischen ausgeführt hat.
Der Dichter schreibt in der Vorrede zur ersten Auflage seiner 1803 erschienenen Allemanischen Gedichte: „Der Dialekt, in welchem diese Gedichte verfaßt sind, mag ihre Benennung rechtfertigen. Er herrscht in dem Winkel des Rheins zwischen Frickthal und ehemaligem Sundgau, und weiterhin in mancherlei Abwandlungen bis an die Vogesen und Alpen und über den Schwarzwald hin in einem großen Teil von Schwaben.“

Der Bereich des süddeutschen Allemanischen insgesamt wäre demnach also das Oberrheingebiet samt Schwarzwald im Norden, etwas feiner differenziert kommen die Gebiete der Übergange zwischen den Kulturen, also der württembergische Teil des Neckartals, die schwäbische Alb (eigentlich eher eine allemanische Alb) und die Gegend südlich von Stuttgart bis zum östlichen Bodensee, Lindau und Bregenz.

Die Norddeuschen (d.h. Niederdeutschen) und die Rheinländer (inkl. Westfahlen, Niedersachsen usw. und auch die Schwaben) handeln nach dem Prinzip, das Gisela Schlüter so charakterisiert hat: „Woher soll ich wissen was ich denke, bevor ich höre was ich sage…“ Ganz anders dagegen jedoch die Allemanen, ihr Prinzip ist: „Zuerst denken, dann reden“. Manchen erscheint das als langsam. Das ist aber falsch. Es gilt nämlich das rhetorische Grundprinzip: „Schnell denken, langsam reden“.
Entscheidend ist auch die allemanische Sprachmelodie (Melos). Das sogen. Bühnendeutsch (Schauspieler, Sprecher, Synchronsprecher, bis vor einigen Jahren auch die Moderatoren, Kommentatoren und Reporter) geht am Satzende nämlich nach unten: „etwas auf den Punkt bringen“. Die allemanische Sprachmelodie (Südschwarzwald, Elsaß, Schweiz usw.) dagegen geht am Satzende nach oben, also zu „Le Point“, das ist ein Gipfel, ein Berggipfel, vergl. dazu die „Pointe“, sie bringt etwas auf die Spitze. Das ist eine Sprachmelodie nicht nur im Allemanischen sondern auch im Französischen, sie geht am Satzende nach oben („n’est çe pas?“). In der Schweiz ist das bunt gemischt: in Genf französisch, in Zürich allemanisch. Eine Art Singsang.
Ein besonderes Beispiel dabei ist Nationaltrainer Joachim Löw (Yogi Löw). Er ist Schwarzwälder (Freiburg im Breisgau). Er spricht das sogenannte „Freiburger Hochdeutsch“. Das ist kein echtes Allemanisch sondern eben „Freiburger Hochdeutsch“. Anstatt „Mir hän“ sagt er „Mir habbet“ (wir haben). Aber seine Sprachmelodie bleibt dabei Allemanisch: am Satzende nach oben. Auch ich hatte diesen Fehler, bevor ich auf der Schauspielschule („Zinnerstudio“ München 1962-64) und in der nachfolgenden Praxis die richtige Sprachmeldie mühsam erlernte.
Zwischen diesem Bereich und dem Lande der Bayern wäre folglich das Schwäbisch-Allemanische anzusiedeln und somit das hier in Rede stehende südwestdeutsche Sprachgebiet komplett.

Was nun das Land der Bayern betrifft, so ist es offenbar nicht immer rein und ausschließlich bayrisch, nennt sich doch die gesamte Südwestecke dieses Landes nach den Schwaben, nämlich Bayerisch-Schwaben. Und die traditionelle Mundart von Augsburg z.B. ist eben nicht bayerisch, sondern original schwäbisch. Unter den Bewohnern Bayerisch-Schwabens ist sogar die Meinung zu hören, daß man bei ihnen die eigentlichen und Ur-Schwaben finde, im Unterschied zu den minder schwäbischen württembergischen Schwaben. Das ist insofern berechtigt, als die Übergänge der württembergischen Schwaben zu den Allemanen historisch und sprachlich betrachtet fließend sind und sich gegenseitig jahrhundertelang beeinflußt haben. Der württembergische Teil des Neckars, die sogen. schwäbische Alb und die minder schwäbische Gegend südlich von Stuttgart sind von der allemanischen Kultur weit mehr bestimmt als die der Ur-Schwaben in Nordwürttemberg und in Bayern.

Drüben hinter dem Schwarzwald
Ohne auf den Wahrheitsgehalt dieser Meinungsäußerung näher einzugehen kann man immerhin bereits bemerken, daß seit dem Anfang dieser Ausführungen die Räume des Schwäbischen und Allemanischen offenbar stetig größer werden, besonders wenn man bedenkt, wie bescheiden es mit hier und drüben hinter dem Schwarzwald soeben noch geklungen hat.

„Schwaben“ sind nicht nur die Schwaben
Diese friedliche Expansion ist im Falle des Schwäbischen jedoch nicht auf Bayern beschränkt; meinen doch unsere schweizerischen Nachbarn und auch wir im Süden des Schwarzwaldes, wenn wir von Schwaben reden, nicht immer nur die württembergischen oder die bayerischen Schwaben, sondern alle anderen Deutschen und früher die Reichsdeutschen überhaupt, also auch die Königsberger, Berliner und Ostfriesen. Ich erinnere mich an meine Großmutter, die aus dem „Hotzenwald“ (am Ende des Wiesentals etwa nördlich von Lörrach) stammte, die warnend den Finger hob und sagte „…DIE Düütsche…“ Die Elsässer und die „echten“ Schwarzwälder fühlen sich wie die Eidgenossen weniger als Deutsche denn als Allemanen. Ganz Deutschland – ein einziges Schwabenland also.


 

Bericht zu dem wissenschaftlichen Kolloquium vom 26. bis 28. September 1996 auf Burg Langendorf in Zülpich

Vom 26. bis zum 28. September 1996 trafen sich auf Burg Langendorf in Zülpich über 70 Wissenschaftler zu dem international besetzten und interdisziplinär ausgerichteten Kolloquium „Die Alemannen und Franken bis zur ‚Schlacht bei Zülpich‘ (496/97)“. Veranstaltet vom Alemannischen Institut (Freiburg), dem Institut für Geschichtliche Landeskunde der Rheinlande (Bonn), dem Geschichtsverein Zülpich und der Stadt Zülpich mit Unterstützung der Gerda Henkel Stiftung (Düsseldorf), der Nordrhein-Westfalen-Stiftung (Düsseldorf) und der Gerhard-Mercator-Universität – GH (Duisburg) fand es unter der Leitung von Dieter Geuenich (Duisburg) statt. Die Teilnehmer des Kolloquiums behandelten historische, archäologische und sprachhistorische Aspekte der Erforschung beider gentes bis zur Unterwerfung der Alemannen durch die Franken um 500. Neben neuen Erkenntnissen aus Geschichte, Archäologie und Sprachwissenschaft wurden auch religions- und rechtsgeschichtliche Forschungsergebnisse vorgetragen, so daß ein breites Spektrum der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Übergangszeit von der Spätantike zum Frühmittelalter links und rechts des Rheins aufgezeigt werden konnte. Begleitet wurde das Kolloquium von der Ausstelung Chlodwig und die „Schlacht bei Zülpich“ – Geschichte und Mythos 496-1996, deren Begleitband gedruckt erschienen ist.

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Folgende Themen wurden behandelt:

Heinrich BECK (Bonn): „Religionsgeschichtliche Zeugnisse zum Glauben der germanischen gentes vor 500“

Horst Wolfgang BÖHME (Marburg): „Gallorömer und Franken im Spiegel der Grabfunde im nördlichen Gallien“

Helmut CASTRITIUS (Braunschweig): „Semnonen – Juthungen – Alemannen. Neues (und Altes) zur Herkunft und Ethnogenese der Alemannen“

Alain DIERKENS (Brüssel): „‚Christentum‘ und ‚Heidentum‘ in Nordgallien während des Frühmittelalters“

Eugen EWIG (Bonn): „Akkulturation und Tradition. Trojamythos und fränkische Frühgeschichte“

Gerhard FINGERLIN (Freiburg): „Wandlungen im Siedlungsbild. Zur Lage der römischen villae und alemannischen Dörfer in Südwestdeutschland“

Patrick GEARY (Los Angeles): „Zur Bedeutung von Religion und Bekehrung im Frühmittelalter“

Dieter GEUENICH (Duisburg): „Chlodwigs Alemannenschlacht(en) und Taufe. Ereignis und Rezeption“

Wolfgang HAUBRICHS (Saarbrücken): „Fränkische Lehnwörter, Ortsnamen und Personennamen im Nordosten der Gallia. Die Germania Submersa als Quelle der Sprachgeschichte“

Karl HAUCK (Münster): „Der Kollierfund vom fünischen Gudme und das Mythenwissen skandinavischer Führungsschichten“

Hagen KELLER (Münster): „Strukturveränderungen in der westgermanischen Welt am Vorabend der fränkischen Großreichsbildung“

Wolfgang KLEIBER (Mainz): „Mosella Romana. Struktur der Hydronymie, Toponymie und Reliktwort-Distribution“

Elmar NEUß; (Münster): „Sprachraumbildung am Niederrhein und die Franken“

Ulrich NONN (Koblenz): „Zur Verwaltungsorganisation in der nördlichen Galloromania“

Ulrich NUBER (Freiburg): „Zur Entstehung des Stammes der Alemannen aus römischer Sicht“

Patrick PÉRIN (Rouen): „Kann man aufgrund der Grabfunde das Ausmaß der fränkischen Expansion in das alte römische ‚Königreich‘ des Syagrius nach dem Jahre 486 feststellen?“

Ruth SCHMIDT-WIEGAND (Münster): „Die Rechtsvorstellungen bei den Franken und Alemannen vor 500“

Frank SIEGMUND (Göttingen): „Alemannen und Franken. Archäologische Überlegungen zu ethnischen Strukturen in der zweiten Hälfte des 5. Jhs.“

Matthias SPRINGER (Magdeburg): „Riparii – Ribuarier – Rheinfranken“

Heiko STEUER (Freiburg): „Archäologische Nachweismöglichkeiten zu den Herkunftsräumen Karl Ferdinand WERNER (Rottach-Egern): „Die ‚Franken‘, Staat oder Volk?“

der späteren ‚Alemannen'“

Herwig WOLFRAM (Wien): „Neue Überlegungen zum alten Thema ‚Typen der Ethnogenese'“

Thomas ZOTZ (Freiburg): „Die Alemannen in der Mitte des 4. Jahrhunderts nach dem Zeugnis des Ammianus Marcellinus“
Abschließend faßten Walther POHL (Wien) die historischen, Helmut ROTH (Bonn) die archäologischen und Heinrich TIEFENBACH (Regensburg) die sprachwissenschaftlichen Beiträge zusammen, welche über die drei Tage verteilt unter den Gesprächsleitungen von Hartmut GALSTERER (Bonn), Martin HEINZELMANN (Paris), Reinhold KAISER (Zürich), Thomas KLEIN (Bonn), Sönke LORENZ (Tübingen), Lawrence OKAMURA (Missouri), Hugo OTT (Freiburg), Klaus ROSEN (Bonn), Meinrad SCHAAB (Stuttgart), Rudolf SCHIEFFER (München) und Franz STAAB (Landau) gehalten und diskutiert worden waren.
Kurze Zusammenfassungen der Vorträge des Kolloquims, die der Erforschung frühmittelalterlicher gentes nicht zuletzt aufgrund des interdisziplinären Ansatzes neue Impulse geben werden, finden sich in dem gedruckt erschienen Bericht:

Ingo Runde: Geschichte, Archäologie und Sprache der Franken und Alemannen vor 500. Bericht zu dem wissenschaftlichem Kolloquium „Die Alemannen und Franken bis zur ‚Schlacht bei Zülpich‘ (496/97)“ vom 26. bis 28. September 1996 auf Burg Langendorf in Zülpich und der 54. Arbeitstagung des Instituts für Geschichtliche Landeskunde der Rheinlande der Universität Bonn „Die Franken vor 500“ am 8. und 9. Oktober 1996 in Bonn, in: Zeitschrift für germanistische Linguistik 25, 1997, S.77-86.
Als Begleitheft des Reallexikons der Germanischen Altertumskunde sind nun auch die Beiträge in überarbeiteter Form gedruckt erschienen:
Die Franken und die Alemannen bis zur „Schlacht bei Zülpich“ (496/97) (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 19), hg. v. Dieter Geuenich, Berlin – New York 1998

Text und Bild: Ingo Runde


 

Vorwort Inhaltsverzeichnis

Die Beiträge des vorliegenden Bandes gehen bis auf wenige Ausnahmen auf Vorträge zurück, die im Rahmen eines Wissenschaftlichen Kolloquiums vom 25. bis 29. September 1996 auf Burg Langendorf bei Zülpich (Kreis Euskirchen) gehalten wurden. Die Idee zu diesem Kolloquium entstand im Alemannischen Institut in Freiburg und wurde, wie das heutzutage bei größeren wissenschaftlichen Veranstaltungen üblich geworden ist, durch ein „Jubiläum“ angeregt. Schon zu Beginn der 90er Jahre war man im Freiburger Institut darauf aufmerksam geworden, daß sich im Jahre 1996 das Datum der ‚Schlacht bei Zülpich‘ zum 1500. Male und das Datum des ‚Gerichtstags zu Cannstatt‘ zum 1250. Male jähren würden. Die anfänglichen Bedenken, daß man – zumindest aus der Sicht des „Alemannischen“ Instituts – zwei katastrophale Niederlagen zu „feiern“ beabsichtige, wurden bald beiseite geschoben. Denn insbesondere das erste der beiden Daten bot, wie sich nach einigem Nachdenken herausstellte, Anlaß und Anreiz, zahlreiche offene Forschungsfragen zu fokussieren. Schon das kriegerische Ereignis, das der Überlieferung nach zur Konversion und katholischen Taufe des Frankenkönigs Chlodwig führte, erwies sich keineswegs als gesichertes Faktum. Denn weder das Jahr 496/97, das sich lediglich durch die nachträglich dem Schlachtenbericht des Gregor von Tours angefügte Datierung in das 15. Jahr der Regierung des Frankenkönigs Chlodwig (actum anno 15. regni sui) ergibt, noch Zülpich als der Ort der Schlacht (apud Tulbiacensim oppidum) lassen sich zweifelsfrei ermitteln und sichern. Und auch das, was sich in dieser „Entscheidungsschlacht“ zwischen Franken und Alemannen nach dem Bericht des Tourser Bischofs ereignet haben soll, hält einer kritischen Überprüfung nicht stand.
Gleichwohl wurde schon bald der Entschluß gefaßt, nicht das schon oft diskutierte Ereignis selbst ins Zentrum des Wissenschaftlichen Gesprächs zu rücken, sondern die „Vorgeschichte“ dieser beiden gentes, die bei Zülpich „zu einer blutigen Entscheidung aufeinanderprallten“ und in einer „mörderischen Schlacht“ über „die Frage entschieden, welchem der beiden großen Stämme die Herrschaft über Gallien zufallen sollte“. Lediglich der öffentliche Abendvortrag war dem „Jubiläumsthema“ gewidmet, das in der Woche unmittelbar vor dem Zülpicher Kolloquium in Reims Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt zu einem „Colloque interuniversitaire et international“ anläßlich des „XVe centenaire du baptême de Clovis“ zusammengeführt hatte, dem auch der Papst, Johannes Paul II., am 22. September beiwohnte. Die Geschichte der Franken einerseits und der Alemannen andererseits v o r ihrer militärischen Konfrontation um 500 soweit wie möglich zu erhellen, war die Aufgabe, die den Teilnehmern des Zülpicher Kolloquiums gestellt war.
Da die schriftlichen Zeugnisse über die Franken und die Alemannen aus den beiden Jahrhunderten – von der ersten Nennung der beiden Völker im ausgehenden 3. Jh. bis zu ihrer kriegerischen Auseinandersetzung im ausgehenden 5. Jh. – nicht sehr zahlreich und ergiebig sind, wurde dem Dialog der Historiker mit den Archäologen und den Sprachwissenschaftlern größte Bedeutung beigemessen. Die aus der Sicht der einzelnen Disziplinen erzielten oder auch nur erhofften Ergebnisse und Erträge des interdisziplinären Gesprächs wurden am Schluß der Tagung von einem Archäologen, einem Historiker und einem Sprachwissenschaftler zusammengefaßt. Diese Resümees sind am Ende des Bandes im Wortlaut wiedergegeben, so daß hier darauf verwiesen werden kann.
Daß die einschlägigen Forscher der drei Fachdisziplinen nach Zülpich gekommen sind, ist der engagierten Mitwirkung der Kollegen Hugo Steger und Heiko Steuer zu verdanken, mit denen in zahlreichen Gesprächen im Freiburger Alemannischen Institut die Liste der Vortragenden, der Vortragsthemen und der Teilnehmer zusammengestellt wurde. In diesen Dank sind der Vorstand und die Mitglieder des Alemannischen Instituts mit einzubeziehen, die das Kolloquium von Anfang an als ein zentrales Projekt des Instituts verstanden und förderten. Insbesondere der Geschäftsführer des Alemannischen Instituts, Konrad Sonntag, trug gemeinsam mit der Lektorin Cornelia Smaczny einen großen Teil der Last der Vorbereitung und der Organisation des Kolloquiums, das an einem für ein wissenschaftliches Gespräch ungewohnten, aber, wie sich zeigte, bestens geeigneten Ort stattfand: in der Remise der Burg Langendorf.
Diese vorbildlich restaurierte Burganlage im Westen der Stadt Zülpich, in unmittelbarer Nähe des vermuteten Schlachtfeldes auf der Wollersheimer Heide, hatten die heutigen Besitzer, Juliane und Manfred Vetter, freundlicherweise für das Kolloquium zur Verfügung gestellt. Das angenehme Ambiente bei den Vorträgen in der Remise und den Mahlzeiten im Burgkeller förderte wesentlich den fruchtbaren Meinungsaustausch, und wer das Glück hatte, in den Räumlichkeiten der Burg übernachten zu dürfen, wird sich besonders dankbar an die Gastfreundschaft des Burgherrn erinnern.
Für finanzielle Unterstützung der Veranstaltung ist der Gerda Henkel Stiftung, der Nordrhein-Westfalen-Stiftung und der Gerhard-Mercator-Universität – Gesamthochschule Duisburg zu danken. Vielfältige Hilfe bei der Vorbereitung und Durchführung des Kolloquiums wurde von seiten der Stadt Zülpich und vom Zülpicher Geschichtsverein gewährt, die auch mit der Ausstellung „Chlodwig und die ‚Schlacht bei Zülpich‘. Geschichte und Mythos 496-1996“ eine zusätzliche Attraktion für die angereisten Teilnehmer boten.
Allen Vortragenden ist dafür zu danken, daß sie ihre Vortragsmanuskripte für den Druck überarbeitet und zur Publikation in diesem Band zur Verfügung gestellt haben, der die Interdisziplinarität des Kolloquiums und die Breite des Spektrums der Vorträge und der Diskussion widerspiegelt. Es ist zu hoffen, daß die kritische Überprüfung des bislang sicher Geglaubten, die fruchtbaren Anregungen und die neuen Erkenntnisse, die in den Vorträgen vermittelt wurden, im vorliegenden Band einem weiteren Leserkreis zur Kenntnis gelangen.
Auf die Erschließung des Bandes durch ein oder mehrere Register wurde zugunsten eines ausführlichen „chronologischen Überblicks“ über „Die Franken und Alemannen vor 500“ verzichtet, den der Duisburger Doktorand Ingo Runde zusammenstellte. Er trug auch die Last der Redaktion von der formalen Vereinheitlichung der eingegangenen Typoskripte bis zur Herstellung der Druckvorlage für den Verlag.
Den Mitherausgebern des Reallexikons der Germanischen Altertumskunde, den Kollegen Heinrich Beck und Heiko Steuer, sowie dem Verlag de Gruyter danke ich für die Aufnahme in die Reihe der Ergänzungsbände.

Duisburg, im August 1998 Dieter Geuenich

Inhaltsverzeichnis

EUGEN EWIG, Troiamythos und fränkische Frühgeschichte (S. 1-30)

HORST WOLFGANG BÖHME, Franken und Romanen im Spiegel spätrömischer Grabfunde im nördlichen Gallien (S. 31-58)

PATRICK PÉRIN, La Progression des Francs en Gaule du Nord au Ve siècle. Histoire et archéologie (S. 59-81)

ULRICH NONN, Zur Verwaltungsorganisation in der nördlichen Galloromania (S. 82-94)

KARL FERDINAND WERNER, Die „Franken“. Staat oder Volk? (S. 95-101)

WOLFGANG HAUBRICHS, Fränkische Lehnwörter, Ortsnamen und Personennamen im Nordosten der Gallia. Die ‚Germania submersa‘ als Quelle der Sprach- und Siedlungsgeschichte (S. 102-129)

WOLFGANG KLEIBER, Mosella Romana. Hydronymie, Toponymie und Reliktwortdistribution (S. 130-155)

ELMAR NEUß, Sprachraumbildung am Niederrhein und die Franken. Anmerkungen zu Verfahren der Sprachgeschichtsschreibung (S. 156-192)

MICHAEL DODT, Frühfränkische Funde aus Zülpich (S. 193-199)

MATTHIAS SPRINGER, Riparii – Ribuarier – Rheinfranken nebst einigen Bemerkungen zum Geographen von Ravenna (S. 200-269)

HEIKO STEUER, Theorien zur Herkunft und Entstehung der Alemannen. Archäologische Forschungsansätze (S. 270-324)

MICHAEL HOEPER, Die Höhensiedlungen der Alamannen und ihre Deutungsmöglichkeiten zwischen Fürstensitz, Heerlager, Rückzugsraum und Kultplatz (S. 325-348)

HELMUT CASTRITIUS, Semnonen – Juthungen – Alemannen. Neues (und Altes) zur Herkunft und Ethnogenese der Alemannen (S. 349-366)

HANS-ULRICH NUBER, Zur Entstehung des Stammes der Alamanni aus römischer Sicht (S. 367-383)

THOMAS ZOTZ, Die Alemannen in der Mitte des 4. Jahrhunderts nach dem Zeugnis des Ammianus Marcellinus (S. 384-406)

MAX MARTIN, Alemannen im römischen Heer – eine verpaßte Integration und ihre Folgen (S. 407-422)

DIETER GEUENICH, Chlodwigs Alemannenschlacht(en) und Taufe (S. 423-437)

PATRICK GEARY, Zur Bedeutung von Religion und Bekehrung im Frühmittelalter (S. 438-450)

ALAIN DIERKENS, Christianisme et „paganisme“ dans la Gaule septentrionale aux Ve et VIe siècles. Mit deutscher Zusammenfassung (S. 451-474)

HEINRICH BECK, Probleme einer völkerwanderungszeitlichen Religionsgeschichte (S. 475-488)

KARL HAUCK, Der Kollierfund vom fünischen Gudme und das Mythenwissen skandina- vischer Führungsschichten in der Mitte des Ersten Jahrtausends Mit zwei runologischen Beiträgen von WILHELM HEIZMANN (S. 489-544)

RUTH SCHMIDT-WIEGAND, Rechtsvorstellungen bei den Franken und Alemannen vor 500 (S. 545-557)

FRANK SIEGMUND, Alemannen und Franken. Archäologische Überlegungen zu ethnischen Strukturen in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts (S. 558-580)

HAGEN KELLER, Strukturveränderungen in der westgermanischen Welt am Vorabend der fränkischen Großreichsbildung. Fragen, Suchbilder, Hypothesen (S. 581-607)

HERWIG WOLFRAM, Typen der Ethnogenese. Ein Versuch (S. 608-627)

HELMUT ROTH, Bemerkungen und Notizen zur „Ethnogenese“ von „Franken“ und „Alemannen“ (S. 628-635)

WALTHER POHL, Alemannen und Franken. Schlußbetrachtungen aus historischer Sicht (S. 636-651)

HEINRICH TIEFENBACH, Sprachliche Aspekte des Problems Franken – Alemannen um 500 (S. 652-655)

INGO RUNDE, Die Franken und Alemannen vor 500. Ein chronologischer Überblick (S. 656-690)


 

Chlodwig und die „Schlacht bei Zülpich“ – Geschichte und Mythos 496-1996.

Alemannen, chlodwig-und-die-schlacht-bei-zuelpich-geschichte-und-mythos-496-1996Begleitbuch zur Ausstellung in Zülpich vom 30.08. – 26.10.1996, hg. v. Verein der Geschichts- und Heimatfreunde des Kreises Euskirchen e.V. in Verbindung mit dem Zülpicher Geschichtsverein, Red. Dieter Geuenich / Thomas Grünewald / Reinhold Weitz, Euskirchen 1996

Inhaltsverzeichnis

Vorwort (S. 8-9)
I. Chlodwig und die „Schlacht bei Zülpich“ in ihrer Epoche

Thomas Grünewald, Tolbiacum: Zur Geschichte Zülpichs in römischer Zeit (S. 11-30)

Elke Nieveler, Zülpich in der Merowingerzeit – Der archäologische Befund (S. 31-39)

Heike Hawiks, Der Name und die Sprache der Franken (S. 40-47)

Dieter Geuenich, Chlodwig. Versuch einer Biographie (S. 48-54)

Dieter Geuenich, Chlodwigs Alemannenschlacht(en) (S. 55-60)

Ingo Runde, Daten und Fakten zur Geschichte der Franken und Alemannen (S. 61-72)

II. Deutung und Rezeption des Ereignisses

Hans Jörg Hennecke, Das Ordnen der Wirklichkeit. Gregor von Tours und seine Geschichtsschreibung (S. 76-80)

Gregor Neumann, „Magnus et pugnator egregius“: Das Chlodwigbild bei Gregor von Tours (S. 81-86)

Mario Kamp, Zülpich – Reims – Paris. Die Chlodwiglegende, der Remigiuskult und die Herausbildung des französischen Königsmythos (S. 87-113)

Harald Bongart, Zum Chlodwigbild in ausgewählten Chroniken (S. 114-120)

Ingeborg Vianden, „Hier ist die Wiege des Christentums“ – Der Erhalt der Pfarrkirche St. Peter in Zülpich während der Säkularistaion (S. 121-136)

Christian Weitz, „Der Franken Glück und des Reiches Wiege“ – Zülpich in Politik und Propaganda der Franzosenzeit 1794-1814 (S. 137-158)

Ingeborg Vianden, Zülpich als Chlodwigstadt in Preußen (S. 159-166)

Reinhold Weitz, Geschichte als Stadtprofil – Die Zülpicher und ihr Chlodwigbild (S. 167-171)

Georg Mölich, Chlodwig und die Schlacht bei Zülpich in der Sicht der rheinischen Landesgeschichte im „Dritten reich“ – Eine Fallstudie (S. 172-174)

Hans Gerd Dick, „Merke, wir hausen auf heiligem Grund“ – Chlodwigschlacht und Chlodwigtaufe in der rheinischen Unterhaltungsliteratur seit dem 19. Jahrhundert (S. 175-189)

Rudolph Hermes, Chlodwigsagen in und um Zülpich (S. 190-195)

Uwe Ludwig, Von Chlodwig zu Napoleon. Chlodwig in der staatlichen Auftragskunst Frankreichs im 19. Jahrhundert. Eine Bestandsaufnahme (S. 196-215)

Mario Kamp, Eine Kirche für Chlothilde. Das Bild von Chlodwig und Chlothilde im 19. Jahrhundert und die erste neugotische Kirche in Paris (S. 216-232)

Heinz Tittel, Das Chlodwigbild im deutschen Kaiserreich (1871-1918) (S. 233-241)

Ralf Meuther, Chlodwigs Taufe in dr Kirchengeschichtsschreibung (S. 242-245)

Marc Versteeg / Nicole Winkler, Chlodwig und seine Zeit in deutschen und französischen Schul- und Sachbüchern nach 1945 (S. 246-251)

III. Katalog zur Ausstellung (S. 252-310)


 

Zeittafel zur Geschichte der Alemannen *

von Ingo Runde

 

Die Alemannen können sich daraufhin auch über den Rhein hinweg ausdehnen. König gefallen ist. Ob sich die Nachricht, der Rheinfrankenkönig Sigibert sei bei Zülpich (Kreis Euskirchen) in einem Kampf gegen Alemannen verwundet worden, auf diese Schlacht bezieht, ist unsicher.

213Der römische Kaiser M. Aurelius Antoninus (Caracalla) bricht am 11. August von Rom aus zu einem Feldzug gegen Germanen auf, die in späterer Überlieferung mit den Alemannen gleichgesetzt werden. Noch im selben Jahr feiern die fratres Arvales in Rom den „Germanen“-Sieg des Kaisers im fernen „Barbaren“-Land.
233Durch den Einfall von Germanen (Alemannen?) in die Grenzprovinzen Raetien und Obergermanien wird Kaiser M. Aurelius Severus Alexander zum Abbruch seines Perserfeldzuges gezwungen.
259/60Germanen überwinden in breiter Front den obergermanisch-raetischen Limes, dessen Besatzung wegen der innerrömischen Auseinandersetzung zwischen Kaiser Gallienus und dem Ursurpator Postumus erheblich reduziert ist.
260Am 11. September läßt der Ritter Marcus Simplicinius Genialis in der Nähe von Augsburg einen Weihestein an die Siegesgöttin Victoria errichten, der an den am 24./25. April des Jahres errungenen Sieg der Römer gegen „die Barbaren des Stammes der Semnonen oder Juthungen“ erinnert. Die Juthungen werden am Ende des 4. Jahrhunderts als (Teil-)Stamm der Alemannen bezeichnet, welche zu dieser Zeit Streifzüge bis nach Gallien und Oberitalien durchführen.
268Als Nachfolger des ermordeten Gallienus schlägt M. Aurelius Claudius die Germanen (Alemannen?) am Gardasee.
269In seiner ersten Rede spricht der gallische Gegenkaiser Marius davon, daß „omnis Alamannia omnisque Germania“ das römische Volk unter seiner Herrschaft fürchten sollen. Das Zitat findet sich allerdings in der sogenannten Historia Augusta, welche Lebensbeschreibungen der Kaiser von Hadrian (117-138) bis Carinus (283-285) enthält. Es handelt sich dabei um eine Fälschung, die ein Unbekannter Ende des 4. Jahrhunderts angefertigt hat. Sie gibt jedoch vor, von sechs (erfundenen) Verfassern zwischen 284 und 337 geschrieben worden zu sein. Somit scheidet die Stelle als gesicherter Erstbeleg für den Alemannennamen aus.
270Erneut fallen Germanen, die als „juthungische Skythen“, von späteren Schriftstellern auch als Sueben oder Alemannen bezeichnet werden, in Oberitalien ein, wo sie bei Fano an der Adriaküste von Kaiser L. Domitius Aurelianus geschlagen werden.
278-282Durch Kaiser M. Aurelius Probus werden nach Gallien eingefallene Germanen hinter den „nassen Limes“ zurückgeworfen und die Befestigungen an Rhein, Donau und Iller verstärkt.
280Nach seinen Erfolgen gegen „Alamannos, qui tunc adhuc Germani dicebantur„, wird Proculus zum Gegenkaiser von Aurelius Probus ausgerufen. Diese Textstelle dient als ein Beleg dafür, daß unter dem Alemannennamen nun verschiedene Völkerschaften zusammengefaßt werden, die vorher als Germanen bezeichnet worden sind. Da es sich jedoch ebenfalls um ein Zitat aus der Historia Augusta handelt, kommt auch das Jahr 280 als Datum für eine als sicher anzunehmende Ersterwähnung nicht in Betracht. Berücksichtigt man zudem die Entstehungszeit dieser als Fälschung aus dem ausgehenden 4. Jahrhundert erkannten Quelle, so kann das Zitat sogar als Argument für einen erst im Laufe des 4. Jahrhunderts allgemein durchgesetzten Alemannennamen gesehen werden.
287In einem 297 verfaßten Panegyricus auf Constantius I. ist das Gebiet Alamannia für das Jahr 287 belegt. Als Reaktion auf einen germanischen Vorstoß des Jahres 285 beginnt Kaiser Maximianus 286/7 mit einer Gegenoffensive und dringen 288 römische Truppen unter Führung des Diocletianus von Raetien aus in den angrenzenden Teil Germaniens vor.
289Am 21. April 289 hält Mamertinus in Trier eine Lobrede auf Kaiser Maximianus und erwähnt dabei erstmals den Stammesnamen der Alemannen. Vermutlich Bezug nehmend auf die Ereignisse des Jahres 287 berichtet er über die Unterwerfung des Königs Gennobaudes und darüber, daß Burgunder und Alemannen einen Einfall nach Gallien unternommen hätten, dabei jedoch durch Hunger und Seuchen zugrunde gegangen seien.
298Bei Langres fallen angeblich 60.000 Alemannen im Kampf gegen Fl. Valerius Constantius I. (Chlorus), der seit 293 als Mitkaiser Britannien, Gallien und Spanien verwaltet. Die wahrscheinlich übertrieben hohe Angabe gegnerischer Verluste könnte aus der Tatsache resultieren, daß Constantius noch kurze Zeit vor seinem Sieg die Flucht ergreifen mußte, was angesichts solch beeindruckender Zahlen vertretbar erscheinen soll.
306Ein Alemannenfürst C(h)rocus ist in York (Britannien) an der Erhebung des Fl. Constantinus zum Augustus beteiligt.
323Caesar Iulius Crispus erhält nach seinem erfolgreichen Feldzug gegen Alemannen den zum ersten Mal numismatisch belegten Siegerbeinamen Alamannicus, der 331 auch für Claudius Constantinus bezeugt ist.
354Kaiser Constantius II. schließt nach erfolgreichem Kampf gegen Alemannen bei Augst mit den Königen des Breisgau, den Brüdern Gundomadus und Vadomarius, einen Friedensvertrag und nimmt daraufhin den Siegerbeinamen Alamannicus Maximus an.
355Kaiser Constantius II. besiegt die Lentienser in der Nähe des Bodensees. Am 6. November ernennt er seinen Vetter Fl. Claudius Julianus zum Caesar und entsendet ihn nach Gallien.
357Nach einem Sieg der Alemannen über den römischen Heermeister Barbatio bei Augst ziehen mehrere Alemannenkönige unter der Leitung von Chnodomarius und Serapio gegen die Römer in die Schlacht von Straßburg. Sie werden vom Caesar Julianus vernichtend geschlagen. Von den 35.000 Alemannen sollen 6-8.000 gefallen sein, während die Römer nur 247 Tote (von 13.000) zu beklagen haben. Im selben Jahr werden nach Raetien eingefallene Juthungen von Barbatio zurückgeschlagen.
358Von Paris kommend überquert der Cäsar Iulianus den Rhein und trifft auf die alamannischen reges Suomarius und Hortarius, welche sich ihm unterwerfen und römische Kriegsgefangene ausliefern.
359Bei Mainz überschreitet Iulianus nochmals den Rhein und schließt mit den Alemannenkönigen Macrianus, Hariobaudes, Urius, Ursicinus, Vestralpus und Vadomarius Friedensverträge.
360Alemannen aus dem Breisgau überfallen an Raetien angrenzende Gebiete. Ihr König Vadomarius wird daraufhin von Iulianus gefangengenommen und nach Spanien verbannt. Für letzteren ist auf einem Meilenstein der Siegestitel Alamannicus maximus bezeugt.
364Kaiser Valentinianus I. verweigert den Alemannenkönigen in Mailand die erhofften Tributzahlungen; damit beginnt eine Wende in der Alemannenpolitik.
365Im Kampf gegen weit nach Gallien eingedrungene Alemannen fällt der römische Heermeister Charietto, ein Franke.
366Die Römer schlagen unter ihrem Reitergeneral Iovinus Alemannen bei Châlon-sur-Marne.
368Nach einem Überfall des Alemannenkönigs Rando auf die Stadt Mainz überschreitet Valentinianus den Rhein und siegt gegen Alemannen, die sich auf einer Höhe verschanzt haben. Im selben Jahr wird der Breisgaukönig Vithicabius auf Anstiften der Römer ermordet.
369Kaiser Valentinianus beginnt, die Rheingrenze mit Kastellen zu sichern und Heermeister Theodosius geht von Raetien aus erfolgreich gegen Alemannen vor.
370/71Der Versuch des Kaisers, den Bucinobantenkönig Macrianus mit Hilfe der Burgunder gefangenzunehmen, mißlingt. Der an seiner Statt eingesetzte Fraomarius kann sich bei den Bucinobanten nicht durchsetzen, so daß Macrianus schließlich ein Bündnisvertrag gewährt werden muß.
378In einer Schlacht bei Argentovaria (Horburg im Elsaß) werden die vom Lentienserkönig Priarius angeführten Alemannen durch das von den Franken Nannienus und Malobaudes angeführte römische Heer vernichtend geschlagen. Von 40.000 Alemannen sollen nur 5.000 überlebt haben. Die Flüchtenden werden von Kaiser Gratianus auf rechtsrheinischem Gebiet verfolgt und unterworfen.
383Die über die Donau nach Raetien eingefallenen Juthungen werden von Bauto, einem römischen Heermeister fränkischer Herkunft, zurückgeworfen.
392Fl. Eugenius, der von Kaiser Theodosius I. nicht als Mitkaiser anerkannt wird, schließt unter anderem mit Alemannen einen Bündnisvertrag ab.
406/07Alemannen überschreiten gemeinsam mit Vandalen und Alanen den Rhein, als der römische Heermeister die Rheingrenze zur Abwehr der Ost- und Westgoten entblößen muß.
411Mit Unterstützung von Franken, Burgundern und Alemannen wird Fl. Iovinus zum Kaiser ausgerufen.
430Die Juthungen werden beim Angriff auf Raetien vom römischen Heermeister Aetius zurückgeschlagen.
443Den Burgundern, die seit 409 um Mainz und Worms siedelten, wird vom römischen Heermeister Aetius in der gegend von Genf ein neues Wohngebiet zugewiesen.
451In der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern kämpfen Alemannen auf seiten des Hunnenkönigs Attila und vermutlich auch auf römischer Seite mit.
454/55Mit dem Niedergang des weströmischen Reiches beginnt die Zeit der größten Freiheit und Ausdehnung der Alemannen.
469Alemannen, „die durch einen Teil Italiens gezogen waren“, werden vom Frankenkönig Childerich und dem späteren König von Italien Odoaker besiegt.
470/76Der hl. Severin erlangt in der Nähe von Passau vom Alemannenkönig Gibuldus die Freilassung von Kriegsgefangenen. Fast zur selben Zeit gelingt es dem hl. Bischof Lupus, vom Alemannenkönig Gebavultus Gefangene seiner Diözese Troyes freizubekommen. Möglicherweise handelt es sich um denselben Alemannenkönig Gibuldus/Gebavultus.
496/97In einer Schlacht gegen die Franken, deren König Chlodwig im Verlauf des Kampfes angeblich seine Taufe gelobt, unterwerfen sich die Alemannen, nachdem ihr (namentlich nicht genannter)
506/07Aus einem Brief Theoderichs des Großen an den Frankenkönig Chlodwig kann auf eine weitere Niederlage von Alemannen gegen Franken geschlossen werden. Der Ostgotenkönig nimmt einen Teil der Alemannen unter seinen Schutz.
537Der Ostgotenkönig Witigis überläßt dem Frankenkönig Theudebert I. unter anderem Churrätien und das Protektorat über „die Alemannen und andere benachbarte Stämme“. Damit befinden sich alle Alemannen unter fränkischer Herrschaft.
553/54Die Herzöge Butilin und Leuthari, zwei Brüder alemannischer Herkunft, durchziehen mit einem Heer aus Franken und Alemannen Italien.
587Der austrasische König Childebert II. setzt den Alemannenherzog Leudefredus ab und bestimmt Uncelenus zu seinem Nachfolger.
595Nach dem Tode Childeberts II. wechseln der Thurgau, der Kembsgau und das Elsaß an Burgund und der Alemannenherzog Uncelenus damit zum frankoburgundischen König Theuderich II.
605/06Der Alemannenherzog Uncelenus läßt den burgundischen Hausmeier Protadius ermorden.
607/08Uncelenus wird wegen der Ermordung des Protadius von der Königin Brunichilde mit dem Abschlagen eines Fußes bestraft und dadurch amtsunfähig.
610In der Schlacht bei Wangas (in der Nähe von Bern?) kämpfen Alemannen mit transjuranischen Truppen und kehren mit reicher Beute zurück.
631/32Ein alemannisches Heer unter dem Herzog Crodebertus nimmt an einem Feldzug des Frankenkönigs Dagobert I. gegen den slawischen Herrscher Samo teil.
635-650In Überlingen am Bodensee residiert ein Herzog Gunzo, dessen Tochter Fridiburga dem Frankenkönig Sigibert III.(?) zur Vermählung bis an den Rhein zugeführt wird. Gunzo lädt die Kleriker und Bischöfe der Umgebung zu einer Synode ein und leitet die Wahl des Diakons Johannes zum Bischof von Konstanz. Ob Gunzo mit dem zur gleichen Zeit bezeugten Herzog Gundoin identisch ist, der das Kloster Moutier-Gradval gründete, ist unsicher.
643Der Alemannenherzog Leuthari läßt Otto, den Erzieher des Frankenkönigs Sigibert III., ermorden und ebnet damit Grimoald dem Älteren den Weg zur Erlangung des Hausmeieramtes in Austrasien.
700Gotfrid, Herzog von Alemannien, schenkt auf Bitten eines Priesters Magulfus in Cannstatt den Ort Biberburg (bei Stuttgart) an die Zelle des hl. Gallus.
709Der Alemannenherzog Gotfrid stirbt; seine beiden Söhne Lantfrid und Theudebald erheben Anspruch auf den dux-Titel.
709-712Pippin der Mittlere führt Feldzüge gegen einen Alemannenherzog Wilharius, der im „Gebiet der Alemannen“ in der Ortenau residiert.
719Der in Chur zum Priester geweihte Alemanne Otmar gründet am Grab des hl. Gallus eine Mönchsgemeinschaft.
722Der fränkische Hausmeier Karl Martell unterwirft Bayern und Alemannien mit Waffengewalt.
723Bayern und Alemannen erheben sich erneut unter Bruch der Friedenseide gegen Karl Martell.
724Der Klosterbischof Pirmin gründet unter dem Schutz Karl Martells das Kloster Reichenau.
727Pirmin wird von Theudebald, dem Sohn Gotfrids und Bruder Lantfrids, „aus Haß gegen Karl“ Martell von der Reichenau vertrieben. Auch Pirmins Nachfolger Heddo wird 732 vertrieben.
730Karl Martell führt einen Feldzug gegen Herzog Lantfrid durch, der noch im selben Jahr stirbt.
741Nach dem Tode Karl Martells wird das Frankenreich unter seinen beiden Söhnen aufgeteilt; Karlmann erhält unter anderem Alemannien.
742Gemeinsam ziehen die Hausmeier Pippin und Karlmann gegen den Alemannenherzog Theudebald, der gemeinsam mit Wasconen, Bayern und Sachsen im Elsaß einen Aufstand angezettelt hat.
743Pippin und Karlmann ziehen gegen den Bayernherzog Odilo, der von Slawen, Sachsen und Alemannen unter Herzog Theudebald unterstützt wird. Odilo und Theudebald müssen nach einer Niederlage am Lech fliehen.
744Pippin vertreibt den im Elsaß rebellierenden Alemannenherzog Theudebald und bringt „den Dukat in dieser Gegend wieder an sich“.
746Karlmann schlägt einen letzten Aufstand in Alemannien nieder und hält bei Cannstatt eine Versammlung ab, auf der die Verantwortlichen bestraft werden. Das alemannische Herzogtum erlischt.

* Die Zeittafel wurde zur Ausstellung Die Alamannen in Stuttgart (1997), Zürich (1997/98) und Augsburg (1998) erstellt.

Folgende Zeittafeln zur alemannischen Geschichte sind zuletzt gedruckt erschienen:

Klaus Spigrade: Zeittafel ca. 530-750, in: Quellen zur Geschichte der Alemannen V. Weitere hagiographische Texte und amtliches Schriftgut, Heidelberg 1983, S.21-28.
Wolfgang Kuhoff: Zeittafel von 213 bis 530, in: Quellen zur Geschichte der Alamannen VI. Inschriften und Münzen, Heidelberg 1984, S.101-113.
Ingo Runde: Daten und Fakten zur Geschichte der Franken und Alemannen. Von den Anfängen bis zur „Schlacht bei Zülpich“, in: Chlodwig und die „Schlacht bei Zülpich“ – Geschichte und Mythos 496-1996. Begleitbuch zur Ausstellung in Zülpich vom 30.08. – 26.10.1996, hg. v. Verein der Geschichts- und Heimatfreunde des Kreises Euskirchen e.V. in Verbindung mit dem Zülpicher Geschichtsverein, Red. Dieter Geuenich / Thomas Grünewald / Reinhold Weitz, Euskirchen 1996, S.61-72.
Dieter Geuenich: Geschichte der Alemannen (= Urban-TB 575), Stuttgart / Berlin / Köln 1997 (Zeittafel auf S.153-160).
Ingo Runde: Die Franken und Alemannen vor 500. Ein chronologischer Überblick, in: Die Franken und die Alemannen bis zur ‚Schlacht bei Zülpich‘ (496/97) (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der germanischen Altertumskunde 19), hg. v. Dieter Geuenich, Berlin / New York 1998, S. 656-690 [mit ausführlichen Anmerkungen zu Quellen und Literatur]

Alamannen Video

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